Richard Koenig

Aus dem Leben des Georg Heinrich Kanoldt



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Overbeck kam wieder, er hatte zwei Krüge Bier in der Hand und schob Georg einen hin. "Was ist denn hier los?" "Für einen Kreuzer kannst du dem da an den Schwanz fassen", sagte Georg, dem der öde Streich allmählich auf die Nerven ging. "Dem? Nicht für einen Gulden. Und was kostet die Dicke?" "Die hat keinen Schwanz." "Mein Gott, warum bist du denn auf einmal so muffelig? Trink' was." "Du warst vorhin derjenige, dem es hier nicht gefallen hat." "Das war vorhin, inzwischen bin ich auch auf meine Kosten gekommen." "Mit der Frieda?" "Ne, aber in der Küche ist so eine Kleine, die ..." "Ich will's gar nicht wissen. Schmeckt dein Bier auch so schal?" "Zeig' mal, hm, kann nichts schmecken, finde es in Ordnung."

"Ist hier noch Platz frei?" Zwei verwahrloste Gestalten waren hinzugekommen. Der eine hatte seinen Filzhut tief ins Gesicht gezogen und man sah nur seinen Bart und die strähnigen Haare, die unter der Krempe heraushingen. Bei dem anderen war das rechte Ohr halb weg und der Rest zu einer runzligen Knolle verwachsen. Overbeck sagte "Tut uns Leid, wir warten noch auf ein paar Freunde." Die beiden setzten sich trotzdem hin. Der mit dem Hut schaute sich gemächlich im Saal um, er beobachtete die Tanzpaare und hörte auf die Gespräche an den Nebentischen. Der andere zitterte ein wenig wie ein Säufer und guckte immer wieder ruckartig zu seinem Gesellen, als hätte der etwas gesagt. Georg sah sein verstümmeltes Ohr und danach fiel sein Blick auf den Teller, wo noch der Rest von dem Lammfleisch lag. "Ihr seid das, die die Schafe kaufen wollen", sagte nach einer Weile der mit dem Hut. "Tut mir Leid", sagte Overbeck, "ich kann deine Schafe nicht gebrauchen." Der andere grinste hässlich und drehte wieder den Kopf nach allen Seiten. Dann murmelte er "Und ihr seid sicher, daß eure Freunde hierher kommen." Overbeck entgegnete ruhig und ohne ihn anzuschauen "Das habe ich nur gesagt, damit ihr euch woanders hinsetzt."

Der Hutmann betrachtete die beiden eingehend, und Georg schien es, als würde er sich hauptsächlich für ihre Kleidung interessieren. "Was glotzt du uns so an?" fragte Overbeck. "Haben nicht oft Fremde aus der Stadt hier." "Kann ich mir vorstellen." Georg wurde es schlecht von dem Bier. Erst begann sich alles vor seinen Augen zu drehen, dann war es wieder ruhig, aber verschwommen, dann war es wieder normal. "Ist irgendwas?" fragte Overbeck. "Schon vorbei, das muss das Bier sein." Er schaute hinüber zum Nebentisch. Sie hatten den Krüppel hingestellt und zwei Mann hielten ihn hüben und drüben aufrecht und fest, daß er sich kaum rühren konnte. Jemand hatte ein Geldstück in die Mütze geworfen, aber verlangt, daß eine der Frauen das ausführen sollte, wovon die Rede war. Sie stand hinter dem armen Kerl und fingerte schon an seiner Hose herum.

Der Mann mit den Hut sagte zu Georg "Gleich gibt's was zu sehen, wenn er sich nicht vorher einmacht." Und er setzte sein dreckiges Grinsen auf. Overbeck wandte sich angewidert ab. Georg ging es wieder im Magen und im Kopf herum, er hatte das Gefühl auf einem Schiff im Sturm zu stehen. Die Fiedel des Musikanten quietschte in seinen Ohren, und August der Krüppel jammerte "Ihr Schweine, lasst mich in Ruhe, gebt mir sofort meine Krücken, ihr Schweine." "Damit du uns entwischst, du Ratte." Seine Hose stand schon halb offen, ein schmutziger Lumpen von Unterwäsche und ein paar schwarze Haare am Bauch wurden sichtbar. Georg war nahe daran sich zu übergeben. "Meine Krücken, gib mir meine Krücken", rief der Krüppel.

Georg wusste selber nicht, wie ihm geschah, er sprang auf, schnappte die Krücken, die neben ihm an der Wand lehnten, trat an den Tisch heran und knallte die Stöcke dem Krüppel mit voller Wucht gegen den Leib. Er fiel nach hinten und auf die Frau drauf, die grässlich schrie. Ansonsten herrschte augenblicklich Totenstille. Einer der Männer, der als erster begriffen hatte, was passiert war, erhob sich und schrie Georg an "Was mischt du dich ein, du Scheißer." Er holte aus, war aber zu betrunken, um genau zu zielen, und Georg konnte nicht richtig sehen. Er duckte sich, und der Schlag ging ins Leere. Der Mann kam durch seine eigene Drehung zu Fall, aber es standen bereits zwei, drei andere vor ihm, und einer hatte sich die Krücke gegriffen, um damit auf Georg einzudreschen. Sie war zu lang, das hintere Ende blieb irgendwo hängen und sie streifte nur Georgs Ohr, das aber gleich ganz heiß wurde. "Schlag ihm die Fresse ein", rief die Frau, die unter dem Krüppel hervorgekrochen war, und jemand gab einem der Burschen einen schweren Bierkrug in die Hand. Er schwenkte ihn hoch über dem Kopf, und was noch drin war, schwappte heraus und ergoss sich über irgendjemandes Schulter. Georgs Beine wurden weich, er spürte, daß er sich nicht von der Stelle rühren konnte, und er dachte nur daran, ob es ein Holz oder ein Tonkrug wäre, der gleich auf ihn niedersausen würde.

Zu seiner Überraschung ging der andere selbst in die Knie. Der Krug glitt ihm aus der Hand und zerschmetterte auf dem Boden. Jemand hatte ihm von hinten einen Schlag versetzt. Und dann schaute Georg nach rechts und sah, wie die Leute in der Gaststube eine Gasse gebildet hatten, durch die ein stämmiger Mann geschritten kam, mit einigen Gefolgsleuten, von denen einer jenem Raufbold eins übergezogen hatte. "Hört sofort auf mit der Prügelei", sagte der Mann mit einer Bärenstimme. "Ungehobeltes Volk." Der Mann hatte ein breites, glattes Gesicht und einen dichten, an den Seiten gezwirbelten Schnurrbart. Er trug Reiterhosen in langen, schwarzen Stiefeln, eine rote Weste mit goldenen Knöpfen und darüber einen bestickten Umhang, der mit einem silbernen Kettchen zusammengehalten war und mit Stickereien verziert war. Er hatte Lederhandschuhe an, und was Georg am meisten auffiel, war der Parfumduft, der von ihm ausging.

Die Leute hatten offenbar gehörigen Respekt vor ihm, und die übermütigen Männer, die eben noch herumkrakeelt hatten, taten keinen Mucks mehr und kuschten vor ihm wie untertänige Hunde. Jemand rief "Er hat angefangen", und zeigte auf Georg. "Halt die Klappe", sagte der Mann, ohne den Rufer erst ausfinding zu machen. Mit breit herabhängenden Armen standen die Getreuen seiner Leibgarde bei ihm, kräftige, finstere Burschen, die aussahen, als stammten sie aus den Bauernfamilien dieser Gegend. Er musterte Georg von oben bis unten mit überlegener Geringschätzung, und Georg bemühte sich, seinem Blick standzuhalten, aber er schwankte und legte die Hand auf den Bauch, wo es heftig rumorte. Der Mann wandte sich an die Menge und sagte "Seit wann werden bei uns Gäste wie Störenfriede behandelt?" "Noch niemals", gab einer zurück. "Richtig. Das Gastrecht ist eines unserer höchsten Gebote und so soll es auch bleiben. Auch wollen wir nicht, daß anderswo schlecht über uns geredet wird."

Er schnippte mit den Fingern, und hinter ihm erschien der Wirt des Hauses, der geflissentlich und als sei er in seiner redlichen Arbeit unterbrochen worden, mit einem Tuch ein Glas polierte. "Hat dieser Herr in irgendeiner Weise Unruhe gestiftet?" fragte er ihn. "Mir ist nichts aufgefallen", erwiderte der Wirt, und als ihn der Mann noch schweigend ansah, fügte er hinzu "Nein, es ist ein überaus bescheidener Gast." "Bescheiden heißt bei dir wohl: lange Sitzung kurze Zeche." Einige lachten. "Herr Graf, Sie wissen, bei mir ist jedermann willkommen, ob er nun viel oder wenig verzehrt." "Gut. Was der Herr und sein Begleiter hier bestellen, geht auf meine Rechnung, verstanden." "Sehr wohl."

Dann sagte er zu Georg "Mein Herr, haben Sie Veranlassung, sich über die Behandlung in diesem Hause oder in unserem Dorf zu beklagen?" "Nein, ich möchte mich meinerseits entschuldigen, es ist wohl etwas mit mir durchgegangen, als ..." "So vergessen wir die Angelegenheit, seien Sie uns weiterhin gewogen." Er gab den beiden Gestalten, die sich an Georgs und Overbecks Tisch gesetzt hatten, ein unmissverständliches Zeichen zu verschwinden, und im Nu waren sie weg. Georg ging unsicher zu seinem Platz und ließ sich neben Overbeck nieder. Der Graf mit seinen Leuten wandte sich zum Gehen und war dann an einem anderen Tisch noch mit einer Unterredung beschäftigt. Die Leute verteilten sich wieder und eine Minute später herrschte der gleiche Lärm und das Durcheinander wie vorher.

"Ich muss mich hinlegen, mir ist so übel", sagte Georg und sah zu Overbeck. Aber der war es gar nicht, welcher neben ihm saß, sondern ein Fremder. Georg erschrak und wollte nach dem Mann rufen, der ihn eben verteidigt hatte, doch er konnte nicht so weit deutlich sehen, vor ihm wallte nur eine undurchdringliche Menge wie eine Herde wilder Tiere. Stimmen, Musik, Geräusche vermengten sich zu einem unerträglichen Rauschen.

Er zog sich am Tisch hoch und kämpfte sich halbblind durch das Gewimmel bis zum Ausgang. Das Bier und Essen stießen ihm auf, die Kehle krampfte sich zusammen, und er spürte den säuerlichen Geschmack auf der Zunge. Er torkelte auf dem Flur erst in die eine, dann in entgegengesetzte Richtung, vorbei an der Küche, wo der warme Dunst den Brechreiz verstärkte. Eine halbverdaute Ladung schoss aus seinem Magen und durch den aufgerissenen Mund und klatschte gegen die dunkle Wand. Georg rutschte mit der Hand daran ab und fiel hin, stand wieder auf, und ein paar Schritte weiter musste er sich abermals übergeben. Er hustete und keuchte, sein Schädel wollte gleich zerplatzen.

Er erwischte die Treppe, die nach oben zu dem Zimmer führte und blieb auf der Hälfte über dem Geländer hängen. Er wollte nach unten, weil es leichter war, aber jemand fasste ihn unterm Arm. "Komm' schon, hier herauf", sagte eine Stimme, und man schleppte ihn bis auf den Treppenabsatz. Er glaubte sich schon fast geborgen, als er einen schmerzhaften Schlag in den Unterleib und gleich danach auf den Nacken spürte. Er heulte auf wie ein verwundeter Hund und sah vor sich am Boden nur einen Fuß, ein Bein, an das er sich festklammerte. Aber es war keine Hilfe, denn der andere Fuß traf ihn auf den Kopf, so daß er losließ. Es waren zwei. Sie schleiften Georg über den Gang, und er merkte, wie Blut und Erbrochenes von seinem Gesicht tropfte. Sie hoben ihn hoch, und im Halbdunkel fiel sein Blick auf das verstümmelte Ohr des einen.

Von dem Gepolter war unten jemand aufmerksam geworden, und man hörte Friedas Stimme, die rief "Was ist denn da oben los?" Einer hielt Georg die Hand vor der Mund, der andere sagte "Ist gar nichts, Frieda, bloß was umgefallen." Und schon bekam Georg wieder einen Schlag, daß er schmerzlich winselte. "Hier rein", schnaubte der mit dem Hut und öffnete die Tür zu einer Kammer. "So, und jetzt werden wir dich mal ein bisschen auseinandernehmen", sagte er und gab Georg links und rechts eine Ohrfeige. "Untersuche ihn, ich will alles, was er bei sich hat."

Der andere gehorchte. "Wo ist das Geld, los raus mit der Sprache, oder wir werden ..." Georg spürte, wie ihm ein Strick um den Hals gelegt wurde. "Ich zähle bis drei, dann zieh' ich fest." Georg röchelte und wollte sprechen, aber er konnte nicht. "Eins ..." Die Tür fiel ins Schloss, es war plötzlich für einen Moment still, da hörte man etwas knacken und einrasten, wie eine starke Feder, die gespannt wird. "Lass ihn los oder ich knall' dich ab", sagte Overbeck, der dem Schurken eine lange Pistole an die Schläfe hielt. "He, nicht so hitzig, ich tue ihm ja nichts, wir wollten bloß ..."

Overbeck gab Georg einen weichen Stoß, daß der zur Seite fiel und sofort ein Stück weiter weg kroch. "Nimmst du erstmal das Rohr da weg", sagte der Mann. Overbeck schlug ihm mit dem Pistolenlauf den Hut vom Kopf und zielte dann wieder direkt auf ihn. "Ich werde dir jetzt deine beschissene Birne wegreißen." Der andere stand noch ganz verdattert da, er ließ das Geld fallen, das er aus Georgs Taschen genommen hatte. Overbeck wurde eine Sekunde davon abgelenkt, und der Mann fasste die Hand mit der Pistole und drückte sich nach oben, aber im nächsten Augenblick sackte er in sich zusammen. Overbeck zog eine Messerklinge aus seinem Bauch, und der Mann presste sofort die Hand darauf und stöhnte. Sein Kumpan war in der Zwischenzeit zur Tür hinaus gesprungen. Overbeck entspannte die Pistole und steckte sie in seinen Gürtel. Er packte den Liegenden und zerrte ihn aus dem Zimmer bis zur Treppe. Er hielt sich am Geländer fest und gab ihm einen Tritt, daß er die Stufen hinunter purzelte.

"Ist alles in Ordnung", fragte Overbeck Georg, der an die Wand gelehnt auf dem Boden saß. "Geht so", hauchte er, "wenigstens brauchen wir die Zeche nicht zu bezahlen." Overbeck lächelte. "Du machst noch Witze." "Kannst du mich ins Bett legen?" "Klar." "Und mach' bitte das Fenster auf, ich brauche frische Luft." Ungeachtet der Schmerzen, die er bei der Schlägerei davongetragen hatte, fiel Georg in Reglosigkeit und merkte auch nicht mehr, wie Overbeck das Blut von den Kratzern auf seinem Gesicht abwusch. Er glaubte, Georg sei in eine Art Ohnmacht gefallen, und als er feststellte, daß sein Atem ruhig ging, ließ er ihn schlafen.

Am Morgen erwachte Georg, und das erste, was ihm auffiel, war ein aromatischer Geruch wie von einer Waldwiese im Frühling. Ihm taten ein paar Beulen weh, aber alles in allem war sein Zustand nicht so schlimm, und auch der Magen war anscheinend wieder auf dem Weg der Besserung. Frieda lief im Zimmer ein und aus und wischte den Boden sauber. "War ich das?" fragte Georg. "Möglich, ist aber nicht so wild, hier kotzt fast jeden Abend einer irgendwohin." Georg lächelte. "Woran das wohl liegt." "Meistens daran, daß die Leute weniger vertragen als sie glauben. Hier war auch Blut, 'ne ganze Menge sogar, hast du dich verletzt?" Georg zögerte, dann sagte er "Ja, ich bin gefallen." "Gefallen? Ein gefallener Engel", sagte sie bedächtig und nicht ohne eine gewisse Freundlichkeit. "Mein Kamerad hat mich verarztet. Die Luft tut gut, es riecht so angenehm." "Das ist das Kräuterkissen, das ich dir ins Bett gelegt habe." "Sie haben mir ein Kräuterkissen gegeben? Das kleine hier?" "Da steckt ganz viel gutes Zeug drin. Durch den Schweiß strömt das Aroma aus." "Na, geschwitzt habe ich allerdings, jetzt ist es wohl ausgelaugt." "Zeig' mal." Sie schnupperte daran. "Da ist noch genug drin." Dann kam sie nahe an Georg heran und sagte "Und du bist auch noch nicht leergeschwitzt. Hat dir schon mal jemand gesagt, daß du 'n ganz netter Kerl bist?"

Georg stand auf und zog sich seine Kleider an. "Das höre ich ständig", sagte er. "Du kleiner Affe", rief sie und gab ihm einen Schubs, daß er zurück aufs Bett fiel. "Au, Sie tun mir weh", zischte er. "Oh, tut mir Leid, dafür darfst du mich Frieda nennen." "Gefällt es dir eigentlich hier, Frieda, ich meine so mitten in der Heide unter lauter ..." "Unter lauter Schafen und Bauern?" "Und unter Sternen, muss ja ein toller Anblick sein bei klarer Nacht." "Mach dich nicht lustig über mich, du weißt nicht, was hier alles so vorgeht." "Ein bisschen kann ich mir das denken, nach dem gestrigen Abend." "Das war noch gar nichts." "Ach, mir hat's gereicht", sagte Georg und befühlte seine geprellten Rippen.

"Du hast Recht, es ist meistens stinklangweilig hier." "Bist du verheiratet?" "Fast. Ich muss bloß warten, bis er wieder da ist, mein Eddie, dann wird Hochzeit gefeiert." "Eddie?" fragte Georg und dachte daran, daß das andere Mädchen gestern denselben Namen erwähnt hatte. "Ja Eddie, kennst du ihn etwa?" "Woher sollte ich?" "Kann ja sein, wenn ihr immer so in der Weltgeschichte umherkutschiert." "Wo ist er denn?" Frieda druckste herum. "Auswärtig. Er muss etwas erledigen." Georg ging ein Licht auf. "Er ist im Gefängnis?" "So kann man's nicht nennen, es ist eine Art Fabrik, er verdient da sogar was." "Dann ist er ja eine richtig gute Partie", sagte Georg und bemerkte Friedas betretenen Gesichtsausdruck. "Oh, ich habe das nicht so gemeint, ich freue mich für euch." "Ehrlich? Die meisten Leute hier finden es abscheulich." "Na, ich kann dazu nichts weiter sagen", entgegnete Georg.

Er hielt das Kräuterkissen nochmal an die Nase. "Das ist eine heilsame Erfindung." "Man kann damit auch jemanden vergiften, jedenfalls erzählt man sich das, es kommt nur auf die Kräuter an und wann man sie pflückt und so'n Brimborium, eben Hexenkram." "Tatsächlich?" nuschelte Georg in das Kissen und schaute Frieda über den Rand hinweg an. "Dann muss ich dir ja doppelt dankbar sein." "Was hast du gesagt? Ist das hier dein Hut, die olle Schüssel?" "Nein, nie gesehen. So dann werde ich mal meinen Kompagnon suchen, also mach's gut Frieda." "Mach's gut Äffchen. Willst du das Kissen mitnehmen?" "Ach, lass nur, wenn ich das nächste Mal herkommen sollte, brauche ich es vielleicht wieder." 'Äffchen', dachte er, 'das hat auch noch niemand zu mir gesagt. Und überhaupt, wieso sollte ich Eddie kennen, wenn er im Knast sitzt.'

Overbeck hatte mit Lommes, des Stallburschen Hilfe die Schafe bereits auf zwei Wagen verteilt. Er war sehr zeitig aufgestanden und hatte Georg noch schlafen lassen. Auch das Geschäft mit Bockelbrook war abgewickelt. Georg dachte daran, daß Overbeck das Geld, das die beiden Männer ihnen rauben wollten, sorgsam versteckt hatte und es war auch besser gewesen, daß Georg nichts davon wusste.

Ein paar Bauern und Dörfler standen herum und verfolgten mit scheinbar gleichgültigen Blicken, wie die Schafe verladen und die Pferde angespannt wurden. Zwei oder drei gaben sogar kurze Hinweise, die zwar nur so hingebrummt, aber dennoch nützlich waren, und Overbeck befolgte sie ohne sich dafür zu bedanken. Er und Georg übernahmen die eine Fuhre, Lommes die zweite, und der sollte dann mit dem leeren Wagen wieder zurückkehren oder auch irgendetwas mitbringen, worum sich Overbeck nicht weiter scherte.

Sie fuhren auf demselben Weg Richtung Norden nach Hamburg, durch die flache, eintönige Landschaft, und das Wetter war günstig und die Tiere verhielten sich ruhig. Georg sprach mit Overbeck über den Grafen, der gestern im Gasthaus aufgetaucht war, und Overbeck hatte noch einiges über ihn in Erfahrung gebracht. Demnach war er Eigentümer einer ziemlich großen Fläche Heidelandes und mehrerer Höfe sowie umfangreicher Herden, Oberhaupt eines alteingesessenen Clans, und die Obrigkeit in Person in einer Gegend, wo die herzogliche oder irgendeine Staatsgewalt nur sehr beschränkten Einfluss hatte. Recht und Ordnung lagen in seiner Hand, und wie er sie durchsetzte, davon hatten sie gestern ein Beispiel erlebt.

"Ich wollte um nichts in der Welt hier leben und arbeiten müssen", sagte Georg, "und wenn ich der leibhaftige Sohn des Grafen wäre." "Wieso nicht? Man kann es auch hier zu Reichtum und Ansehen bringen, die Natur hält alles bereit, was man dafür benötigt." "Ja, die Natur", erwiderte Georg und dachte daran, wie Overbeck gestern noch ganz anders geredet hatte.

Er ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen. Unzählige Wolkenberge hingen leicht und unbeweglich am blauen Himmel, Gras und Heidekraut bedeckten den Boden, dazwischen leuchteten sandige Flecken. Wacholdersträucher, Gestrüpp und dichte Wäldchen beherbergten Vögel und Wild. An sumpfigen Wassern standen stocksteife Reiher, und als sie mit den Wagen vorbeirumpelten, flogen sie davon. Hasen wetzten über die Äcker, ein Fuchs streifte an einer Hecke entlang. Auf einem dürren Baum saß ein Sperber und ruckte herrisch mit dem Köpfchen.

"Aber die Leute hier sind ziemlich roh", meinte Georg. "Das ist wie überall, wenn es Grund genug gibt, aufeinander neidisch zu sein, dann geschieht es auch. Wären wir als arme Landstreicher hierher gekommen, dann wäre das er deutete auf Georgs blauen Fleck am Auge nicht passiert. Kein Mensch schlägt einen anderen ohne Zwang." "Soll das heißen, ich bin selber Schuld daran." "Man sollte jedenfalls immer daran denken: man bringt die Leute erst dazu böse zu sein." "Ach, das klingt ja geradezu nach Bitte um Vergebung, ich wusste gar nicht, daß du so ein reumütiger Mensch sein kannst." "Bin ich auch nicht. Ich will dir was sagen: Ich bin nicht in einem Federbett auf die Welt gekommen, aber ich will es schaffen, meinen Lebtag noch darin zu schlafen, und es sollten wenn möglich nicht bloß meine letzten Stunden sein.

Aber wenn du aus diesem armseligen Leben raus und in ein besseres hinein willst, dann geht das nur auf Kosten anderer, denn alle wollen höher hinaus, alle wollen in diesem schönen, weichen Bett schlafen. Und du musst es geschickt anstellen, wenn du dich gegen die anderen durchsetzen willst. Du kannst ihnen ja nicht einfach den Schädel einschlagen, das geht nicht gut, und es bringt dich darüberhinaus um dein Seelenheil. Du musst dir von den Menschen das nehmen, was du brauchst und was dir nützt, am besten so, daß sie es nicht merken oder es nicht als Verlust empfinden. Aber das ist schwierig, sie wehren sich und bekämpfen dich ebenso.

Deshalb ist es das beste, wenn du ihnen auch etwas dafür gibst, so daß sie das Gefühl haben, es ist ein Geschäft zu beiderseitigem Vorteil, verstehst du, es ist ein Tauschhandel. Sie sind zufrieden und sind auch nicht böse auf dich, es gibt keine Veranlassung und keine Berechtigung dich zu schlagen, denn du hast ihnen ja Gutes getan." "Das erinnert mich an die spanischen Eroberer in Amerika, die den Indianern Glasperlen für Goldschmuck gaben." "Genau so ist es auch. Und die Indianer waren glücklich dabei." "Anfangs schon, bis sie gemerkt haben, daß sie betrogen wurden." "Ja nun, Betrug entsteht aus Habgier, und Habgier entsteht aus einer falschen Einschätzung der eigenen Vermögensverhältnisse."

Georg lachte. "Was soll denn das wieder heißen?" "Man muss immer sein Maß finden. Wenn ich auf einem Strohsack liege und von dem Federbett träume, dann ist das angemessen, ich verzichte auf den Baldachin darüber oder den goldenen Nachtopf darunter. Und wenn ich dermaleinst in dem Federbett liege, dann danke ich Gott jeden Abend dafür und bete, es möge morgen noch genauso sein, aber ich wünsche mir kein größeres Bett, nur weil letzte Nacht mein linkes Bein herausgehangen hat, oder ich wünsche mir auch kein zweites Bett, nur weil mein Nachbar zwei hat. Man muss immer maßvoll bleiben und daran denken, wie anstrengend es war und auch gnadenvoll, das zu erlangen, was man besitzt, und daß man morgen schon alles wieder verlieren kann."

Auf dem hinteren Wagen fing Lommes zu singen an. Overbeck rief ihm zu "He, willst du die Schafe wild machen?" "Im Gegenteil, Gesang beruhigt sie." "Gesang ja, aber kein Gejaule wie von einem Wolf." "Nicht doch, kennt ihr das Lied von dem Heidemädchen, das in den Sohn des Grafen verliebt war?" Georg musste lachen. "Klar, der Sohn saß im Gefängnis und sie hat auf ihn gewartet." Lommes schwieg, offenbar überlegte er. Dann sagte er "Stimmt, das gibt es auch, aber ich meine ein anderes, es geht so ..." Er sang eine herzzerreißende Weise von der besagten Maid und ihrem Geliebten, eine dramatische Geschichte, die in einer Strophe bei Mondschein gipfelte, in der sich die beiden vereinigten, bevor der Liebhaber den Tod findet. "Ganz schön langweilig", rief Overbeck. "Findet ihr? Es gibt auch eine Variante dazu." "Für den Schluss?" "Nein, für die Stelle, wo von dem Vater des Mädchens die Rede ist, ich singe sie euch vor." Er war nicht davon abzuhalten, und so ließen sie ihn singen.

"Trägst du die Pistole eigentlich immer bei dir?" fragte Georg. "Nur wenn ich so wie jetzt unterwegs bin. In der Stadt ist es unsinnig, mit so 'ner Kanone herumzulaufen." "Kann ich sie mal ansehen?" Overbeck schien von der Bitte nicht begeistert, holte dann widerwillig die Pistole aus dem Gürtel und gab sie Georg. "Sei vorsichtig." "Ist sie geladen?" "Ja." Es war eine elegante Steinschlosspistole mit einer Verzierung am Griff, die wie Fischhaut aussah. An der Seite war der Namenszug J.Manton eingraviert. "Ist das der Name des Besitzers?" "Nein, sie gehört mir, das ist der Name des Waffenmeisters, der sie gefertigt hat, Joseph Manton. Aber genaugenommen ist sie nicht aus seiner Werkstatt, dann wäre sie unbezahlbar. Es ist eine Imitation." "Trotzdem sehr gut." "Finde ich auch." Lommes sang jetzt ein anderes Lied, er gab sich alle Mühe, daß sie ihn vorn hören konnten.

Ein kecker Bube aus der Stadt,
der einen Taler übrig hat,
kam in ein Heidedorf hinein,
mag er uns nur willkommen sein.
Kam in ein Heidedorf hihinein,
mag er uns nur willkommen sein.

Overbeck lachte. "Meint er uns damit?" Georg hatte nicht hingehört, er war mit der Waffe beschäftigt. "Ich weiß nicht. Warum steckt der Stock im Lauf?" "Damit die Kugel nicht herausrutscht." "Deshalb ist wohl auch der Draht da?"

"Ja, er hält den Stock geradeso fest. Er würde aber rausfliegen beim Schuss, ich habe es ausprobiert." "Er würde wie ein Pfeil abgeschossen werden?" "Ungefähr so, ja." Lommes sang munter weiter.

Der Gastwirt rief: oh welche Ehre,
daß so ein Städter hier einkehre.
Nimm er nur Platz auf dieser Bank,
ihm wird gegeben Speis und Trank.
Nimm er nur Platz auf dieser Bahahank,
ihm wird gegeben Speis und Trank.

"Hast du das Schießen trainiert?" "Früher, eine Zeitlang, auch mit anderen Waffen, das hier ist eigentlich eine Duellpistole." "Hast du sie schon dafür gebraucht?" Overbeck schüttelte den Kopf. "Nein, soweit ist es noch nicht gekommen." "Hättest du gestern wirklich geschossen?" "Schwer zu sagen."

Er frisst und säuft soviel er kann
und bändelt mit den Mädchen an.
Er geht dem Bauern an den Kragen,
will sich raufen, will sich schlagen.
Dem Bauern geht er an den Krahagen,
will sich raufen, will sich schlagen.

"Hör' nur, ich glaube, der will uns ärgern", sagte Overbeck. Lommes sang, als wäre es das Credo in der Kirchenmesse.

Benimmt sich wie ein dreistes Schwein,
der Bauer sagt: das ist nicht fein.
Ein fester Tritt ihm jetzt gebührt,
flugs in den Hintern ausgeführt.
Ein fester Tritt ihm jetzt gebühhüret,
in seinen Arsch gleich ausgeführet.

"He, du Spinner", rief Georg, "wovon singst du da?" "Oh nichts, es ist eine lustige Geschichte, die man sich bei uns erzählt, sie hat auch noch eine Schlussstrophe." Overbeck sah, wie Georg mit der Pistole herumfuchtelte. "Vorsicht Kleiner, nicht so leichtsinnig damit." Georg durchfuhr plötzlich ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Angst und Rachsucht. Die dumme Trällerei des Bauernburschen, der sich über ihn lustig machte, und Overbecks 'Kleiner', das er gewiss nicht böse gemeint hatte, das Georg jetzt aber empfindlich traf, beides zusammen wirkte wie ein Angriff auf ihn. Er glaubte in einer Falle zu sitzen, und die Bedrohung von gestern, als er sich in der brutalen Gewalt der beiden Männer befand, die ihn erdrosseln wollten, schien erst jetzt in seinem Innern richtig durchzuschlagen. Er begann zu zittern, riss die Augen weit auf und schnaubte wutentbrannt. Overbeck versuchte mit der Hand seinen Zorn abzuschwächen und sagte "Bleib' ruhig und gib mir die Pistole." Lommes trieb es auf die Spitze.

Der Bube kugelt sich im Dreck,
am Morgen ist er schleunigst weg,
und kehrt zurücke in die Stadt,
die so viel dumme Buben hat.

"Lass das, hör auf und gib mir das Ding zurück", rief Overbeck, als Georg den Hahn mit beiden Daumen spannte. Er drängte Overbeck beiseite, daß er sich festhalten musste, um nicht vom Kutschbock zu fallen, stellte sich auf und drehte sich zu Lommes um, der leider mit selig geschlossenen Augen den Refrain wiederholte.

Und kehrt zurücke in die Stahahadt,
die so viel dumme Buben ...

"Da hast du deine Schlußstrophe, du Arschloch!" schrie Georg außer sich und drückte ab. Overbeck hatte unwillkürlich die Leine straff gezogen, und die Pferde machten einen ruckartigen Schritt, wodurch Georg wankte. Es gab einen gewaltigen Knall, der sich über die ganze Heide ausbreitete, und der Rückstoß war so stark, daß er Georg die Pistole aus der Hand riss und Overbeck sie greifen konnte. Wie dieser es beschrieben hatte, so war zuerst der Ladestock herausgeflogen und in dem Holz der Sitzbank zwischen Lommes' Beinen steckengeblieben. Die Kugel aber hatte irgendeinen Stein oder ein Metallteil getroffen und war daran abgeprallt. Dann war sie an Lommes linkem Ohr vorbeigesaust, und sie wäre durch seinen Schädel gegangen, wenn er nicht blitzschnell vom Wagen gesprungen, oder genauer gesagt, gestürzt wäre.

Er schlug auf der Erde auf und verstauchte sich das rechte Handgelenk so sehr, daß es augenblicklich anschwoll wie ein abgebundener Schlauch, in den Wasser gefüllt wird. Lommes heulte und jammerte und rief "Du Mörder, du gottverdammter Mörder!" Overbeck behielt die Übersicht. Er stieß Georg zu Boden, wo dieser sich von seinem Wutanfall erholte und leise vor sich hin schluchzte. Durch den Schuss und die Aufregung waren die Schafe wild geworden, blökten wie von Sinnen und versuchten zu entkommen. Lommes' Wagen hielt dem Drücken und Drängen nicht stand, und seitlich brachen zwei hölzerne Streben, drei Schafe plumpsten in das Heidekraut, rappelten sich auf und rannten sofort weg. Die anderen sprangen hinterdrein.

Overbeck schrie "Wir müssen sie aufhalten", aber die Herde ging auseinander und löste sich auf, und die Tiere suchten nach allen Seiten das Weite. Da gelang es zweien, über den Rand des vorderen Wagens zu klettern, und nur mit aller Mühe konnte Overbeck die anderen zurückschieben und verhindern, daß sich auch dieser Wagen entleerte. "Du bleibst hier und passt auf, daß keins wegläuft, bist du dazu in der Lage?" sagte er zu Georg. Der nickte stumm und zog sich am Wagenrad hoch. "Tut mir Leid", brachte er halblaut hervor. Overbeck winkte verächtlich ab. Dann ging er zu Lommes und half ihm auf die Beine. "Es nützt alles nichts, wir müssen sie einzeln wieder einfangen." "Zu zweit? Wir haben nicht mal einen Hund." "Du kannst ja ein bisschen bellen", sagte Overbeck giftig, aber Lommes ließ sich jetzt nichts mehr gefallen und gab zurück "Und du wackelst mit dem Schwanz dazu."

Dann verriegelten sie notdürftig die zerbrochene Wagenflanke, ein paar Schafe waren oben geblieben und schauten ihnen dabei zu, als wollten sie sagen 'Das habt ihr davon, daß ihr uns von zu Hause wegschleppt'. Georg hatte sich wieder auf den Kutschbock gesetzt, und er sah die beiden in weiten Bögen über das flachhügelige Gelände streifen. Sie riefen "Ho" und "He", aber nur zwei, dreimal scheuchten sie ein Schaf in ihre Mitte und weiter vor sich her. 'Wie soll man die jemals wieder zusammenkriegen?' dachte Georg, und dann verlor er Lommes und Overbeck irgendwo am Rande eines Wäldchens aus den Augen.

Erst Stunden später kam Overbeck wieder. Georg hatte sich unter den Wagen in den Schatten gelegt und war eingeschlafen. Overbeck weckte ihn und sagte, sie hätten ein leerstehendes Weidegatter gefunden, wo es auch eine Hütte gibt und eine Wasserstelle. Er und Lommes hätten beschlossen, dort die Nacht zu verbringen. Georg dachte 'Hat er es wirklich nicht allein so entschieden, sondern den Burschen um Rat gefragt?' Dann fragte er "Wieviel von den Schafen habt ihr wieder eingefangen?" "Fast alle. Da hinten ist ein kleiner Fluss, da konnten wir sie zusammentreiben."

Sie fuhren mit beiden Wagen zu der Koppel. Inzwischen dämmerte der Abend, ein schmaler heller Streifen war am Horizont, auf der anderen Seite funkelten die ersten Sterne der Nacht. Lommes saß an einem Feuer. Er hatte in einem geschützten Erdloch in dem Nebenschuppen einen Haufen Kartoffeln gefunden, die er in die heiße Asche legte. Als sie die Kartoffeln aus der verkohlten Schale pulten, war es schon dunkel. Lommes redete mit Overbeck, aber er tat so, als wäre Georg nicht da. Das mit der Pistole würde er ihm wohl niemals verzeihen, aber Georg war froh, daß er ihn nicht verwundet oder gar erschossen hatte. Nur sein Handgelenk war noch erschreckend dick und auch blutunterlaufen. "Tut es noch weh?" fragte Georg vorsichtig. Es war eine dumme Frage, und Lommes fauchte zurück "Was geht es dich an." Das war das letzte, was sie miteinander sprachen.

In der Hütte war auf einer Seite Stroh ausgebreitet. Obwohl Georg den ganzen Nachmittag verschlafen hatte, war er schon wieder müde und legte sich hin. Er hörte das Holz im Feuer knacken und knistern. Overbeck und Lommes sagten ab und zu etwas, aber man konnte sie nicht verstehen. Er schlief ein und träumte von einer Beerdigung, bei der ein goldenes Schaf zu Grabe getragen wurde. Dann wandelte sich die Trauerfeier zu einem Karneval, und Georg tanzte mit einem Mädchen, das die Kräuterprinzessin war. Er erwachte frühmorgens und ging nach draußen. Der Morgenhimmel war purpurrot, die Venus überstrahlte noch die Helligkeit. Er dachte an den Homer, wo es heißt: Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte - so ist es noch immer.

Er schaute sich um, aber von den beiden anderen war keiner zu sehen. In der Nacht hatte er bemerkt, wie Overbeck sich auf das Stroh schlafen legte. Er ging zu dem Zaun, in dem die Schafe waren. Sie standen dichtgedrängt und ruhig, es waren aber zu wenig. Da entdeckte Georg, daß der Wagen fehlte, den Lommes gelenkt hatte. Er rief nach Overbeck, aber nur ein einziges Schaf antwortete mit einem Blöken, als beschwerte es sich über das Geschrei. Er ging zu dem kleinen Brunnen, wusch sich das Gesicht und trank einen Schluck. Am Rand der Feuerstelle fand er ein paar geröstete Kartoffeln, die er aß. Dann wusch er sich abermals die Hände.

Er sah Overbeck, der hinter der Hütte hervorkam. "Wo warst du? Was ist passiert?" "Lommes ist weg, mit dem Wagen und der Hälfte der Schafe." "Aber wie hat er das fertiggebracht? Hast du nichts gehört?" "Hast du was gehört?" sagte er vorwurfsvoll. "Wenn du nicht durchgedreht hättest, wäre uns das alles erspart geblieben." Georg schwieg. Sie standen neben dem erloschenen Feuer. Overbeck stieß mit dem Fuß gegen eine leere Tonflasche und schleuderte sie im Bogen weg. "Der hinterhältige Schuft hat mich betrunken gemacht mit seinem Heidefusel. Deshalb habe ich geschlafen wie ein Murmeltier." Georg sah ihn an. Overbeck, der sich besoffen machen und die Schafe klauen lässt, das konnte einfach nicht wahr sein.

"Ich habe die Spur verfolgt, sie geht in die Richtung, aber er hat mindestens drei Stunden Vorsprung." "Und was willst du jetzt tun?" "Wir bringen die Schafe in die Stadt, in einen Stall am Grasbrook, von dort gehen sie übermorgen zum Hafen." "Dann ist dir das halbe Geschäft durch die Lappen gegangen." Overbeck spuckte aus. "Was soll's, das hole ich mir beim nächsten Mal wieder rein. Komm' hilf mir beim Aufladen." "Wo sind wir hier überhaupt?" fragte Georg. "Etwa eine Stunde dort hinüber liegt Vierzig Stücken." "An der Alten Süderelbe?" "Ja, aber wir fahren in die andere Richtung, nach Moorburg." "Wie weit ist das?" "Zwei Stunden schätze ich." Georg wusste nicht warum, aber er hätte darauf wetten können, daß immer noch alles nach Overbecks Plan verlief.



Ende des Ersten Teils





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