Richard Koenig

Aus dem Leben des Georg Heinrich Kanoldt



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Ein Stück über dem rechten Ohr, vom Haar verdeckt, hatte Georg eine Narbe, und wenn man mit dem Finger darüber hinwegfuhr, konnte man eine kleine Delle spüren, wo der Schädelknochen eingedrückt war. Das war folgendermaßen geschehen:

Mit den Jungs aus Siebleben gab es Streit. Es war die Bande um einen Kerl namens Siegbert Pfeifer, ein dicker Bursche, kräftiger als die meisten seiner Altersgenossen und auch gewalttätiger. Vielleicht wusste er einfach mit seiner überschüssigen Kraft nicht wohin und war deshalb so brutal geworden. Man nannte ihn einen Raufbold, und sein Ruf hatte sich nicht nur in der Stadt Gotha, sondern auch über die umliegenden Dörfer verbreitet, und es geschah häufig, daß man sich erzählte, die Sieblebener Bande um den Siegbert Pfeifer habe wieder einmal irgendwo die Gegend unsicher gemacht, habe am Rande eines Dorffestes, einer Kirmes oder eines Tanzvergnügens einen Krawall vom Zaun gebrochen und sich mit ein paar Einheimischen eine handfeste Prügelei geliefert.

Manchmal stand sogar etwas von einem Überfall oder einer Saalschlacht im Lokalanzeiger und die Überschriften der kurzen Meldungen lauteten dann etwa "Auswärtige Halbwüchsige stifteten Unfrieden in Molschleben" oder "Hoher Sachschaden nach Schlägerei im Schießhaus". Die Feinde der Pfeifer-Bande, das waren die Banden aus den anderen Orten, und sie unterschieden sich kaum voneinander. Aber vom Siegbert Pfeifer hieß es, er habe mittlerweile ein halbwegs gesichertes Einkommen von dem Kleingeld, das er mit Hilfe seiner ihm treu ergebenen Kumpane von schmächtigen und ängstlichen Bübchen erpresste.

Georg Heinrich Kanoldt gehörte nicht zu dieser Art von Knaben, und wenn ihm Siegbert Pfeifer auch an leiblicher Fülle und Kraft überlegen war, so hätte er auf jeden Fall den kürzeren gezogen, was Gewandtheit und Ausdauer betraf, von der äußeren Erscheinung ganz zu schweigen. Schlimmstenfalls konnte sich Georg auf seine Beine verlassen und wegrennen, er war ein hervorragender Läufer und jeder wusste das. Im übrigen war er friedfertig, hatte eine Menge Freunde unter seinen Altersgenossen, gehörte überhaupt keiner Bande an, noch hatte er jemals die Absicht eine zu gründen.

Er war kein Feigling, fand es jedoch einfach albern, Streitigkeiten mit den Fäusten auszutragen. Wenn er von solchen Geschichten hörte oder wenn wieder einmal etwas davon in der Zeitung stand, dachte er nicht weiter darüber nach und nahm es hin wie andere Meldungen, zum Beispiel über eine tollgewordene und durchgebrannte Kuh, die in die Goldbacher Kirche eingedrungen war und vor dem Altar einige große grüne und stinkende Fladen fallen gelassen und dafür gesorgt hatte, die darauffolgende Sonntagsmesse wegen des Gestanks um einige Choräle abzukürzen.

In seinem Wesen hatte Georg Ähnlichkeit mit seinem Großvater, wenngleich ihm der Alte natürlich an Lebenserfahrung noch weit voraus war. Zum Beispiel unterteilte Großvater die Menschen in drei Gruppen: erstens solche, die sich aus eigener Kraft in der Welt behaupten können und dadurch die Welt, ebenso wie sich selbst, immer ein bisschen weiter voranbringen. Zweitens solche, die dazu nicht fähig und demnach immer auf die ersteren angewiesen sind. Und zum dritten jene, die von dem unauflösbaren Zusammenhang dieser beiden Gruppen profitieren, indem sie mal die einen, mal die anderen unterstützen - oder auch im Stich lassen. Großvater war der Meinung, es sei meistens vorteilhaft, zum dritten Typ zu gehören, zumal wenn man ein Kaufmann ist. Und er war der Inhaber eines Gemischtwarenladens am Gothaer Hauptmarkt.

Großvater Kanoldt stammte aus einer der tiefsten Regionen des Thüringer Gebirges, der Gegend zwischen Frauenwald und Schmiedefeld, wo die Männer Holzfäller mit langen Bärten waren und die Frauen schwarze Kleider über langen Unterhosen trugen, und wo es das Wort "Horizont" nicht gab, weil man zwischen bewaldeten Bergen und in dunklen, feuchten Gründen lebte, in Gesellschaft von wilden Tieren und gemeinen Zwergen, und nur immer den kommenden strengen Winter vor Augen hatte und die Sorge, den jüngsten Spross der Familie vor seinen frostigen Klauen zu schützen.

Wie er auf die Idee kam, in der Stadt einen Laden zu eröffnen und Handel zu treiben, das wusste er wohl selbst nicht mehr genau. Er kehrte dem Walddorf den Rücken, nachdem er die Pfarrerstochter geheiratet hatte. Mann und Frau zogen nach Gotha, das seit der segensreichen Herrschaft des alten Herzogs Ernst eine Fürstenresidenz war und außerdem an dem westöstlichen Handels-Fernweg lag, der die "Königsstraße" genannt wurde und bis ins Reich der Kiewer Rus führte.

Großvater begann mit einem bescheidenen, aber nützlichen Sortiment für Stadtbewohner und Landarbeiter. Die Kolonialwaren brachten einen Aufschwung. Gewürze, Früchte, exotische Erzeugnisse aus Übersee waren gefragt. Heimische Originalitäten wie Holzkohle oder Färberwaid bereicherten das Angebot, und nach und nach vergrößerte sich der Laden, florierte der Handel, wuchsen Umsatz und Gewinn, und anderthalb Generationen später, als Georg als ältestes von vier Geschwistern, drei Jungen und einem Mädchen, die Reife zur höheren Bildung erlangt hatte, da war das Geschäft von J. E. Kanoldt & Sohn eine der ersten Adressen der Stadt.

Eigentlich bestand für einen Jungen aus solchem Hause keine Gefahr, in das Milieu der Pfeifer'schen oder anderer Bandenkriege abzugleiten, und es bedurfte auch nicht der eindringlichen Ermahnung der Großmutter, er solle sich ja davor hüten, sich mit den Rauf- und Trunkenbolden einzulassen, die in den schmalen Gassen an der Ostseite des Marktes oder an den Stadttoren herumlungern.

Georgs Eltern konnten auf ihren Erstgeborenen stolz sein, um so mehr, als sich neben seinem wachen Verstand und frohen Gemüt auch ein Interesse für das kaufmännische Gewerbe, vor allem für die Warenkunde abzeichnete, was dem Vater natürlich zu berechtigter Hoffnung Anlass gab, in dem Jungen seinen Nachfolger zu finden.

Und dennoch war es einmal gerade Georg, dem der Siegbert Pfeifer einen Knüppel auf den Kopf schlug und ihm damit eine bleibende Erinnerung an eine gefahrvolle Episode seiner Jugendzeit verpasste.

Der Beginn des Streits war eine ausgeraubte Vogelfalle, eine, wie sie die Jungen in der Gegend aufstellten, um mit den erbeuteten Tieren ihre selbstgebauten Käfige und Volieren zu füllen. Darin gab es einen regelrechten Wettstreit, wer die schönsten Schwarzkehlchen, Stieglitze oder Dompfaff-Männchen fing. Außerdem konnte man sich unter Freunden mit seinem handwerklichen Geschick, mit Erfindungsreichtum und der oftmals erforderlichen Geduld einen Namen machen. Denn es gab welche, die legten sich beim Vogelfang auf die Lauer und harrten oft ganze Stunden regungslos im Gebüsch. Genausogut freilich konnte es einem auch nur Spott und Gelächter der Kameraden einbringen, wenn die Falle versagte, die Beute entwischte oder das Vögelchen so verletzt wurde, daß es bald verendete.

Die besagte Vogelfalle hatten Georg und seine drei Freunde am Nordhang des Seebergs aufgestellt, etwas unterhalb der Schafstrift, am Rande des Kiefernwäldchens. Es war ein neues Modell, bei dem der Fritz Langer ein raffiniertes Schlingensystem entwickelt hatte. Aber sie blieb leer, obwohl es sichere Anzeichen dafür gab, daß sich Pirole an der Stelle aufhielten, denn man hatte jüngst ihren eigentümlich verschlungenen Pfiff vernommen. Man kontrollierte jeden Tag, und immer war die Falle unberührt.

Einmal aber fanden die Freunde ausgerissene Federn, die Schlingen hingen schlaff herab, der Mechanismus war eindeutig ausgelöst worden. Hatte sich der Vogel befreien können? Wie oft hatte Fritz den anderen anhand eines Stoffknäuels demonstriert, daß dies unmöglich sei. Und noch etwas sprach dagegen: eine der Ruten war durchgebrochen, und kein Vogel, der sich verfangen hätte, konnte andererseits soviel Kraft haben, um einen fingerdicken Ast zu brechen. "Den hat man uns geklaut", sagte der Junge vom Sattler Heinze, der wegen seiner Größe nur Heinzelmann genannt wurde. Der vierte im Bunde, der Lohner Hannes, betrachtete finster die zerstörte Falle und spuckte wutentbrannt auf den Boden, als sei etwas Unerhörtes geschehen, etwas, das man unbedingt aufklären müsse.

Wieso man den Diebstahl gleich mit der Pfeifer-Bande in Verbindung brachte, hatte folgenden Grund: Es gab in Gotha neuerdings einen Vogelhändler, der gute Preise für unversehrte und erst recht für seltene Vögel zahlte - und noch höhere dafür verlangte. Er schaffte seine Ware bis nach Würzburg und Frankfurt, und er war ständig an Neuzugängen interessiert. Genau das hatte auch Siegbert Pfeifer erfahren, der keine Möglichkeit ausließ, um sich möglichst leicht einen guten Verdienst zu verschaffen. Er dachte natürlich nicht daran, sich selbst mit der Vogelfängerei abzuplagen, dafür war er zu faul und auch zu schwerfällig, dafür hatte er seine Leute bei der Hand, und unter diesen einen, der sich ihm zuliebe bereiterklärte, diese Aufgabe zu übernehmen. Nicht sofort zwar, aber nach einigem Zureden und einer angedrohten Tracht Prügel, falls sich der andere weigern würde.

Das war nun ausgerechnet der Michel Hoffmann, der größte Angsthase weit und breit und unter den Angsthasen derjenige, den man deswegen auch noch ständig hänselte. Er fürchtete sich vor allem und jedem, vor Pferden ebenso wie vor Wespen, vor dem Haareschneiden, ja sogar vor dem Haarewaschen. Er fürchtete den Lehrer, schlechtes und gutes Wetter, selbst den eigenen Geburtstag. Das lag, wie man sagte, an den zerrütteten Familienverhältnissen, in denen er lebte. Sie waren schon von alters her verworren und leider so beschaffen, daß sie auch im Laufe der Zeit nur immer unheilvoller wurden. Seinen Geburtstag fürchtete Michel nicht nur wegen des Mangels jeglicher Geschenke und der damit verbundenen Enttäuschung, sondern auch weil beinahe jedesmal eine andere Frau an der Seite seines bettelarmen und überdies trunksüchtigen Vaters die Mutterstelle besetzte, zumindest für eine Weile.

Und wenn er in einem Jahr keine neue Mutter vorgesetzt bekam, fehlte sie ganz, und wegen der rapide schwindenden Gedächtnisleistung des Vaters fiel der Geburtstag immer öfter einfach aus. In jedem Fall fürchtete er diesen Tag genauso wie die fremde Mutter und den besoffenen Vater und seinen unausstehlichen kleinen Bruder. Er fürchtete sie, aber er hasste sie nicht, denn er hatte ein gutes Herz, ein typisches Angsthasenherz, was außer der Ängstigung auch noch dafür sorgte, daß er schamlos ausgenutzt wurde. Und er hatte die, unter diesen Umständen allerdings verständliche Schwäche, sich an die kleinste Bezeugung von Aufmerksamkeit zu klammern, die ihm entgegengebracht wurde, wie scheinheilig sie auch sein mochte.

So nahm er es gern hin, für alle möglichen egoistischen Zwecke anderer missbraucht zu werden, obwohl er wusste, daß sein Dienst nur von kurzer Dauer sei und nur in Anspruch genommen wurde, weil er so leicht und billig zu haben war. Weil den Michel Hoffmann bald jeder seiner Altersgenossen einmal für irgendeine kleine oder große Missetat eingespannt hatte, war er praktisch auch jedermanns Freund und Feind zugleich und stand zwischen allen Parteien, Banden, Bündnissen und sonstwelchen zusammengewürfelten Gruppen der Gegend.

Wegen seiner bemitleidenswerten Schwächlichkeit oder wegen seines Eifers oder auch wegen seines durchaus hübschen, puppenhaften Gesichts stand er bei den Mädchen in zweifelhafter Gunst und fungierte für sie, die ständig untereinander in Streit waren, oftmals als Bote und Unterhändler, um wichtige Neuigkeiten, Verabredungen oder auch feindselige Drohungen zu übermitteln. Michel Hoffmann, der Mädchenliebling - das brachte ihn noch um das letzte Ansehen.

Georgs Großvater, der zwar schwankte, ob er den Michel Hoffmann in die zweite oder dritte seiner Menschenklassen stecken sollte, sagte einmal, daß er wahrscheinlich noch in jungen Jahren als Soldat auf dem Felde sterben würde, wie ein ängstlicher Hase eben, der über den Acker hoppelt und im Kugelhagel getroffen Purzelbäume schlägt. (Dabei machte er die Bewegung eines Schützen mit dem Gewehr im Anschlag.) Georg nahm den Michel gegen den Spott in Schutz, er würde ihn zwar nicht unbedingt seinen besten Freund nennen, aber er wäre nicht schlechter als mancher andere. Und Michel ließen solche Bemerkungen kalt, denn er selber meinte ganz im Ernst, Soldat zu werden sei das einzige erstrebenswerte Ziel, um seiner traurigen Lage zu entkommen.

Zu ebenjener Zeit stand er gerade mehr auf der Seite Georgs und seiner Kameraden, seitdem sie einen "vierten Mann" zum Skatspiel gesucht und ihn dafür von der Straße weg und in den Schuppen hinter Heinzelmanns Haus geholt hatten, wo sie das Kartenspielen, das ihnen streng untersagt war, zu erlernen versuchten. Zufälligerweise war Michel kurz zuvor anderswo ebenfalls als vierter Mann eingesprungen und konnte die anderen ganz gut unterweisen, obwohl sie ihm nicht alles glaubten, was er sagte und es nur seiner vermeintlichen Liebedienerei zuschrieben. "Bei wem hast du denn gespielt?" fragte einer der anderen höhnisch. "Bei der Auguste und ihren dämlichen Freundinnen etwa? Seit wann ist Skat Weibersache?" Michel schwieg, und zum Beweis ließ er sie nur noch verlieren, was sich jedoch bald rächen sollte, weil der Fritz Langer, der Vogelfallenspezialist, hinzukam und von dem Augenblick an Michel wieder überflüssig war.

Fortan fürchtete er den Fritz, freilich ohne ihn zu hassen. Der Siegbert Pfeifer, der Bandenchef aus Siebleben, der auf irgendeine Weise, wie man so sagte, das Gras wachsen hörte, knöpfte sich den Michel vor und erfuhr von ihm alles über die geplante Fallenstellerei der anderen, wodurch letztendlich auch das Versteck am Hang des Seebergs verraten und die Beute in die falschen Hände gelangt war. Der arme Michel hatte nach seinem Verrat beim Pfeifer nichts Eiligeres zu tun, als ihn vor Georg und den Seinen zu gestehen, als wäre diese Art von Doppelrolle für ihn das Selbstverständlichste der Welt. In Wahrheit kam er nur der peinigenden Angst, entdeckt zu werden, zuvor.

Es wurde zunächst nicht offen darüber gesprochen, doch schleichend verbreitete sich unter den Freunden die Meinung, der Siegbert Pfeifer habe es weniger auf die Vögelchen abgesehen, als vielmehr auf Georg Heinrich Kanoldt, dem er eins auswischen wollte. Aber keiner hatte wirklich eine Ahnung, wie das kam. Manchmal werden die braven Knaben den bösen Buben zum Dorn im Auge, ohne daß sie ihnen etwas angetan hätten. Und wenn sie jemanden auf dem Kieker haben, passiert es, daß sie ihn zuerst völlig grundlos und dann solange belästigen, bis der andere nicht mehr umhin kann, sich zu wehren.

Ob nun, wie der Heinzelmann einmal beiläufig bemerkte, auch ein Mädchen im Spiel gewesen war, dem Georg schöne Augen gemacht hatte, ohne zu wissen, daß der Siegbert Pfeifer Ansprüche auf sie geltend machte, gelegentlich sogar von seiner Braut sprach (was das Stichwort für andere war, ja bloß die Finger von ihr zu lassen), das sei dahingestellt. Alles lief darauf hinaus, daß klare Verhältnisse geschaffen werden mussten zwischen den Jungen aus der Marktgasse und den Vorortbarbaren, die mit immer neuen tückischen Streichen und Übergriffen Einfluss in der Stadt zu gewinnen suchten. Und die Vogelfängerei auf dem Seeberg, auf der halben Strecke zwischen Dorfanger und Stadttor, war ein Auslöser und ein triftiger Grund, eine Entscheidung herbeizuführen.

Ein Treffen wurde vereinbart, und dem Michel Hoffmann, obwohl er selbst am wenigsten zu befürchten hatte, wurde Himmelangst bei dem Wort, denn er kannte das Verhandlungsgeschick Pfeifers, das jedesmal auf eine Schlägerei hinauslief, und es schien dem Michel angeraten, sich dabei möglichst weit im Hintergrund zu halten. Mitmachen musste er dennoch, fragte sich nur, auf wessen Seite? Georg und seine Freunde waren zweifellos schlauer und kultivierter als die rüpelhaften Bauernkinder, dafür waren diese zehnmal stärker. Wer konnte mit Gewissheit voraussagen, daß nicht die Pfeifers und Konsorten eines Tages sowieso die Oberhand in der Stadt erringen würden? Doch da würde er, Michel Hoffmann, schon bei irgendeiner, und sei es auch einer wildfremden Truppe dienen, und wer hier das Sagen hatte, konnte ihm dann egal sein. So entschied er sich also noch einmal für die Georg'schen.

Ein geeigneter Ort musste gefunden werden. Eine Stelle in der Stadt war ausgeschlossen, denn erstens konnte man sich über den Ausgang der Begegnung nicht sicher sein und damit auch nicht über Ansehen oder Verdammnis, die einem danach widerfahren könnte. Und zum zweiten wurden derartige Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit, zumal bei Minderjährigen bekämpft, und der Schutzmann Köllner griff mit harter Hand durch. Erfuhren erst einmal die Eltern von dem Unfug, dann konnte es richtig schmerzhaft werden, und man hatte in der Vergangenheit schon manchem Lausbuben nach ähnlichen Verstößen mit erniedrigenden Arbeiten zur Buße verholfen.

Unmittelbar vor den Stadttoren war es zu unruhig, man hätte den Fuhrleuten ausweichen oder sich mit den Hunden herumbalgen müssen; am Sundhäuser Tor wurde gerade gebaut. Auf dem Seeberg selbst, so hatte Michel beobachtet, hielt das Kronprinzen Infanterie Regiment aus Langensalza ein Manöver ab, und man wäre fortgejagt worden. Fritz schlug einen Platz am Leinakanal in Richtung Gehrsleben vor, eine kleine freie Wiese, die auf zwei Seiten von den Bäumen des schmalen Kanals begrenzt war und zum Dorf hin weit genug weg lag, damit man das Duell ungestört austragen konnte.

Man war eine gute halbe Stunde bis dorthin unterwegs, und da das Treffen auf zwei Uhr nachmittags angesetzt war, setzten sich Georg, Fritz Langer, der Heinzelmann, Hannes Lohner und Michel ganz hinten gegen halb eins in Marsch. Sie alle hatten noch kurz vorher einen Schwur geleistet, Georg und sich gegenseitig beizustehen und nicht anders denn als Sieger den Kampfplatz wieder zu verlassen. Auf Michels Frage, ob der "moralische" Sieg auch als Sieg gelte, wurde nicht weiter eingegangen. "Die treuesten Kameraden der Residenz" hatte der Lohner Hannes das Grüppchen tituliert, und es schwoll ihnen die Brust dabei vor Stolz.

Als sie bei Boilstedt an der Gärtnerei vorbeikamen, fiel dem Hannes ein, daß er am Nachmittag für seine Mutter einen Sack Kartoffeln besorgen sollte, und zwar bei einem Bauern, der direkt am anderen Ende der Stadt war, weshalb er also unmöglich erst bis jenseits des Leinakanals mitkommen konnte. Ohne die Reaktion der anderen abzuwarten, drehte er sich auf dem Absatz um und rannte zurück. "Wenn ich es schaffe, komme ich noch rechtzeitig", rief er. "Rechtzeitig wozu?" fragte Fritz und wollte gerade etwas über Freundschaft sagen, als den Heinzelmann aus heiterem Himmel ein heftiger Bauchschmerz befiel.

Er presste die Hände gegen den Leib, japste nach Luft und verzog das Gesicht, so wie er es bei seiner großen Schwester gesehen hatte, als bei ihr die Wehen einsetzten. "Dieser verdammte Haferbrei", stöhnte er, "mein Vater hat gesagt, es ist was Ungenießbares zwischen das Korn geraten. Oh Gott, ich glaube, ich muss ..." Damit war er auch schon auf und davon. Ausgerechnet Michel Hoffmann behielt die Ruhe und meinte zu Georg "Lass die mal laufen, die würden nur im Weg stehen, wenn es hart auf hart kommt." Mit diesen Worten setzte er sich an die Spitze der drei und marschierte hurtig voran.

Sie mussten über eine wacklige, schmale Holzbrücke, die über den Bach führte, der nicht besonders breit aber sehr morastig war. Auf der anderen Seite, im Halbkreis auf der Wiese, erwartete sie Siegbert Pfeifer mit seiner Gefolgschaft. "Das wird aber auch Zeit", rief er herüber, um gleich deutlich zu machen, wer hier den Ton angab. Georg sah, wie Siegbert voller Anspannung hin und her schritt, die Fäuste abwechselnd in die Handflächen drückte und den Kopf mit seiner langen, ungepflegten Mähne zurückwarf, und er erkannte, daß es zwecklos war, sich noch irgendwie gütlich einigen zu wollen. Deswegen gab er zurück "Hast wohl gehofft, wieder heil nach Hause zu kommen?" Siegbert begann vor Zorn zu kochen. "Sei du froh, wenn du überhaupt noch nach Hause kommst." "Vielleicht in der Kiste", rief einer von Siegberts Leuten und alle grölten.

Da trat Michel einen Schritt vor, hielt seinen ledernen Tornister, den er sich besorgt hatte, hoch und sagte zu dem vorlauten Rufer "Und für dich reicht nachher das hier." Georg wollte ihn zurückholen, und Siegbert fuhr ihn an "Was mischst du dich ein, du Laus, mit dir werde ich heute auch endgültig fertig." Er ging auf ihn zu und Georg rief "Lass ihn in Ruhe, es geht nur uns beide was an." Aber Siegbert hatte bereits ausgeholt und knallte seine Rechte gegen Michels Schläfe, daß der in mehreren Purzelbäumen über die Wiese kullerte, genau wie es Georgs Großvater beschrieben hatte. "Spitzel kriegen bei uns, was sie verdienen", sagte Siegbert, erleichtert, den ersten Anfall seiner unbändigen Kraft abgelassen zu haben.

Jetzt hielt es auch Georg nicht mehr. Er ging auf seinen Rivalen zu, Siegbert stoppte ihn mit dem gestreckten Arm an seiner Brust. "Du mieser Kerl", fauchte Georg. Äußerlich gefasst, aber wie vor einer weiteren Explosion sagte der andere "Halt, gib' mir eine Minute, wir mussten die ganze Zeit hier stehen und auf euch warten, ich bin wie gelähmt." Es war dummes Zeug, was er schwatzte, jedoch wäre Siegbert nicht jener geborene Prahlhans gewesen, wenn er nicht durch derartige Effekthascherei auch Eindruck vor seinen eigenen Leuten schinden konnte. Georg ließ es gelten, und das war ein Fehler. Siegbert machte ein paar Schritte, streckte die Arme, als wollte er sie elastisch machen, schob die Hemdsärmel hoch und atmete tief und hörbar ein und aus. Seine Kumpane begannen ihn anzufeuern, erst einer, dann immer mehr, und schließlich schrien alle durcheinander, warfen Georg gehässige Schimpfwörter entgegen, lobten Siegberts Mut und priesen seine Stärke.

Georg sah unter ihnen auch zwei, drei Mädchen, die sich jedoch zurückhielten und abzuwarten schienen, wem sie ihre Bewunderung zollen würden. Er glaubte, die Tochter des Apothekers zu erkennen, die wohl kein Mensch hier vermutet hätte, am allerwenigsten ihr Vater, und die ihm früher schon mal aufgefallen war, denn sie war hübsch und es hieß, sie würde sich nicht mit jedem x-beliebigen Jungen abgeben, sondern nur besonders Erwählten ihre sagenhaften Fertigkeiten in Liebesdingen zuteil werden lassen.




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