| Alexander Fuchs : Neue deutsche Literatur | nightletter@web.de |
| Jerome Le Brag |
| Genua - zwei Tage älter |
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Der Amelung hauste in einer engen, dumpfen Wohnung, nur die Küche war einigermaßen geräumig, und Friedrich musste in gewissem Sinn dem Bruder Recht geben, überall tummelten sich Kinder. Eins von ihnen kletterte sogleich auf seinen Schoß, als er sich hingesetzt hatte und fuhr mit klebrigen Händchen in Friedrichs Gesicht herum. Er unterhielt sich mit dem Gymnasialdirektor über dies und jenes und versuchte durch geschickt eingestreute Fragen etwas über die bevorstehende Prüfung herauszubekommen. Er war froh, als er da wieder heraus war.
Bei dem Scherzer war alles sehr ordentlich und hell und irgendwie luftig, und man konnte ungezwungen mit ihm reden. Als Friedrich von seiner Exkursion mit den Kindern erzählte (von dem vergnüglichen Teil), wollte der Pfarrer ihn gleich für die evangelische Jugendgemeinde gewinnen, "die machen auch Ausflüge in Mutter Natur", sagte er. Friedrich entgegnete, er sei Freimaurer. "Na und, das ist doch kein Hinderungsgrund", erwiderte der Pfarrer, "wir sind tolerant, solange es die andern auch sind." Seine Ausbeute war gering. Aber ein paar Stichworte konnte er den Mädchen dennoch liefern: Worin der Unterschied zwischen dem Neuen und dem Alten Testaments hinsichtlich der Religionswahrheiten besteht; warum Gott der Urheber aller Dinge und Ereignisse ist und inwiefern in der göttlichen Vorsehung die Schöpfung fortdauert; warum Versuchung notwendig und Erlösung unausweichlich ist; was gute Engel und böse Teufel sind (nämlich höhere Geister, welche die unermessliche Lücke zwischen den Menschen und Gott ausfüllen - darüber hatte der Amelung mit großer Begeisterung gesprochen, so daß Friedrich glaubte, der Gymnasialdirektor träume selbst davon, mit seiner Nachkommenschaft diese Lücke schließen zu helfen). Man hätte sich für Luises Konfirmation kein schöneres Wetter wünschen können. Und auch kaum mehr Aufmerksamkeit; die Hofkirche konnte nur einen geringen Teil der Gäste und Besucher aufnehmen, die Türen standen offen, und viele Leute draußen auf dem Schlosshof verfolgten die Zeremonie, und nicht wenige hielten den Atem an in dem Moment, als Luise das Gelübde ablegte, sich auf immer und unauflöslich an die Religion unseres Herrn und Heilands Jesus Christus zu binden. Der Herr Oberkonsistorialrat gab als Motto die Stelle aus dem Philipper Brief aus: Freuet euch! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Dank vor Gott kund werden! Es sei nicht schwer, ein Christ zu sein, versicherte der Gymnasialdirektor und Garnisonsprediger Amelung daran anschließend, und einige Zuhörer schienen verwundert über die Leichtigkeit dieser Feststellung. Er beeilte sich sogleich zu erläutern, wie dies zu verstehen wäre: daß es nämlich viel Mühe, Überwindung und vor allem eines festen Glaubens bedarf, um erst einmal ein guter Christ zu werden. "Oh nein, es ist nicht schwer, ein guter Christ zu sein", wiederholte er und fuhr fort, "aber es kostet einen edlen, schönen Kampf, die Lüste der Sinnlichkeit weise zu beherrschen und dadurch zu verhüten, daß sie uns nicht verderblich werden. Aber wie könnte es dem Guten schwer werden, gut zu sein und gut zu handeln! Wie könnte es dem Weisen schwer werden, als ein Weiser sich zu zeigen! Wie könnte es der Liebe schwer werden, jede unedle Neigung zu bekämpfen, sie zu unterdrücken und dem ein Opfer zu bringen, was sie liebt, wofür sie glüht und dem sie sich liebevoll hingibt!" Die Gemeinde sang ein Lied, und dann wurde es ernst für Luise. Es hagelte eine Frage nach der andern, und ihre Antworten kamen wie aus der Flinte geschossen, und an den allermeisten war nichts zu beanstanden. Selbst als Amelung wissen wollte, welches der allgemeinfasslichste Gottesbeweis ist, antwortete sie "Der physikotheologische Gottesbeweis", und ein anerkennendes Murmeln ging durch die Zuhörer: wie ein so junges Mädchen ein so schwieriges Wort ohne Versprecher über die Lippen bringt! Daß diese Antworten nicht bloß auswendig gelernt waren, sondern ihrer eigenen Überzeugung entsprangen, zeigte Luise, als sie auf die Frage, ob wir uns unter dem Himmel und der Hölle bestimmte wirkliche Aufenthaltsorte denken sollen, mit tiefer Einsicht und einer Spur von Mitleid erwiderte, es seien dies vielmehr innere Zustände der Seele. "Denn schon hier, auf Erden, trägt der gute Mensch seinen Himmel, und der böse seine Hölle in sich, und beide nehmen sie mit sich in eine andere Welt." Manch einem trat beim Anblick dieses Engelsgesichts und der trefflichen Worte eine Träne der Rührung ins Auge. Danach folgte ein gemeinsamer Gesang der versammelten Gemeinde. Herzog August, der den Programmablauf nur zwei Stunden vor Beginn zur Kenntnis genommen und genehmigt hatte, forderte lediglich, das hier vorgesehene Lied "Nun danket alle Gott" zu streichen; in seiner Kirche werde die "Preußenhymne" wie er sie nannte, nicht gesungen. Dafür setzte er an ihre Stelle Neanders "Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr", das ungleich lyrischer, fast romantisch klang und einen gewissen natürlichen Frohsinn verbreitete. Ein Muster und Vorbild für ihr ganzes Geschlecht solle die Prinzessin sein, gab der Oberkonsistorialrat Wiedenmann ihr mit auf den Weg, ein Muster und Vorbild für alle Töchter des Landes! Und dann zitierte er aus dem Buch Tobit: "Dein Leben lang habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte dich, daß du in keine Sünde willigst noch handelst gegen Gottes Gebot!" Luise war von der anstrengenden Prozedur ziemlich mitgenommen, vor allem war ihre Kehle vom vielen Sprechen wie ausgetrocknet. Während sich die herzogliche Familie und ihre Bediensteten um die zahlreichen Gäste kümmerte, erlaubte Caroline ihr, für ein paar Minuten nach drinnen zu verschwinden, um sich etwas zu erfrischen. Wie sie hineinhuschen wollte, erwischte jemand sie am Ärmel. "Hast du gut gemacht!" "Sophie! Franz!" (Er stand daneben.) "Wo ist Lukas?" "Ähm, er kommt später." "Ach so?" Luise machte eine enttäuschte Miene. "Na, kommt mit rein, ich muss unbedingt was trinken." Sie liefen in die Küche, aber da war wegen der Vorbereitung der Festtafel der Teufel los. Luise schnappte sich einen Krug mit Limonade, ließ Franz drei Gläser nehmen, und sie gingen hinauf zur Galerie, von wo man auf die ganze Gesellschaft unten im Schlosshof schauen konnte. Da wurde Luise plötzlich ganz blass im Gesicht, sie schwankte und musste sich am Fensterbrett festhalten, dann knickte sie ein und sank auf den Boden. "Luise! Was ist los?" rief Sophie, und Franz fragte ängstlich "Stirbt sie jetzt?" Glücklicherweise trat der Kammerdiener Wendtland gerade aus dem Spiegelkabinett, er kam angerannt und erkannte sogleich, daß die Prinzessin ohnmächtig geworden war. "Fächle ihr Luft zu!" forderte er Franz auf. "Mit was?" Der Wendtland riss ihm seine Schildmütze vom Kopf, die schön flach war, und drückte sie ihm in die Hand. "Damit!" Franz fing an wie wild zu wedeln, und Luise kam tatsächlich wieder zu sich. "Euer Durchlaucht, soll ich den Doktor holen?" "Wieso liege ich am Boden?" "Du bist auf einmal runtergerutscht. Geht's wieder?" "Ja ja, helft mir mal hoch." Der Kammerdiener fasste sie auf der einen, Sophie auf der andern Seite unterm Arm. "Junge, hol einen Stuhl!" "Woher denn?" "Mensch, Franz Feller, seit wann bist du denn so bekloppt!" "Ich will hier ja nichts kaputt machen." "Da aus dem Saal." "Es geht schon, danke." Als sie saß, meinte sie "Das war bestimmt die Überanstrengung", und Sophie nickte und streichelte ihre Wange. "Seid Ihr sicher, Prinzessin, daß ich keinen Arzt holen soll?" "Ach was, den kann ich jetzt am wenigsten gebrauchen." "Wie Ihr meint." "Wendtland!" rief ihm Luise nach, und ihre Stimme klang auf einmal sehr bestimmt, "zu niemandem ein Wort darüber, verstanden!" "Jawohl, Euer Durchlaucht." Indem der Kammerdiener um die Ecke verschwand, tauchte am Ende der Galerie ein blonder Junge auf, er war etwa so alt wie die anderen, aber mindestens einen Kopf größer und von schlacksiger Gestalt; er blinzelte häufig, offenbar waren seine Augen nicht ganz einwandfrei. "Luise?" rief er, "bist du da?" "Ja." "Wer ist das?" flüsterte Sophie. "Irgendeiner von meinen Cousins." "Ich soll dich holen. Wieso sitzt du hier?" "Weil ich nicht stehe." "Wer sind die?" "Meine Freunde." "Willst du mich ihnen nicht vorstellen?" Sophie musste ein Lachen unterdrücken. "Ja, klar. Das ist ... ähm, wer bist du nochmal genau?" "Aber Luise! Ich bin Georg von Sachsen Meiningen, dein Großcousin." "Ja, stimmt." "Ich bin Sophie Romberg von Gotha", sagte Sophie und reichte ihm die Hand. "Sehr erfreut, Mademoiselle Romberg." "Und das ist Franz Feller." "Ich soll dich holen." "Ich weiß." "Was bedeutet das: Großcousin?" wollte Sophie wissen, "etwa weil du so groß bist?" Luise lachte gekünstelt. "Nein, Mademoiselle Romberg. Das hat etwas mit dem Verwandtschaftsgrad zu tun." "Aha." "Geh' schon mal vor, mein guter Georg", sagte Luise, "wir kommen sofort." "Gut." Er marschierte davon. "Nicht übel, der Bursche", sagte Sophie. "Davon haben wir eine Menge", meinte Luise. "Könntest du ihn heiraten?" "Was?" empörte sie sich. "Den? Nie im Leben, schon wie er einen dauernd anblinzelt." Sie machte ihn nach. "Fand ich gar nicht schlimm, das gibt ihm was Freches." "Können wir jetzt gehen?" sagte Franz, den das Geklatsche langweilte. Dieser Georg war der Sohn der Eleonore von Hohenlohe-Weidenburg, die Anfang der achtziger Jahre den Herzog von Meiningen geheiratet hatte, der ebenfalls Georg hieß und der Bruder von Charlotte Amalia war, der Herzogin von Gotha und Luises Großmutter. Eleonore hatte nach dem frühen Tod ihres Gatten die Regierung anstelle des noch unmündigen Knaben Georg übernommen und bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt inne. Sie und ihr Sohn gehörten sozusagen zu den prominenten Gästen der Meininger Linie, also von Augusts mütterlicher Seite. Obwohl Charlotte Amalia (aus Gründen, von denen noch die Rede sein wird) nicht mehr in Gotha weilte - oder vielleicht gerade deshalb - hatte Herzog August ein vergleichsweise mildes Verhältnis zu Eleonore. Sie war klug und selbstbewusst, ohne überheblich zu sein. Man konnte sich vertraulich mit ihr unterhalten, ohne befürchten zu müssen, sie verfolge insgeheim die Interessen irgendwelcher obskurer Hintermänner, die ständig im verborgenen Intrigen gegen die eigene Sippe anzetteln. Herzog August war überzeugt, daß mindestens die Hälfte aller Blutsverwandten aus dem sächsisch-thüringischen Hause damit beschäftigt war. Und ja - es waren fast ausschließlich Männer, denen er misstraute, während er den Frauen gegenüber oft ein Verhalten an den Tag legte, welches manchen Beobachter geradezu verschreckte. Insbesondere nach dem Tod des alten Herzogs Ernst Ludwig (als Luise fünf Jahre alte war) und dem Weggang der Herzogin hatte Eleonore den Gothaern des öfteren einen Besuch abgestattet, war sogar unangekündigt und wie zufällig aufgetaucht, angeblich weil sie sich um die (zweifellos bedeutende) Mineraliensammlung ihres verstorbenen Mannes kümmerte, für die Charlotte Amalia sich "seinerzeit doch auch verdient gemacht" habe. Allerdings fand sie auf Schloss Friedenstein, nachdem nun außer Herzog Ernst auch die Herzogin Charlotte sowie der Xaver von Zach nicht mehr da waren, und August (gleich seinem Onkel Johann Eugen) keine Affinität zur Naturwissenschaft hegte, niemanden, der sich für die Steine begeistern konnte. August gab ihr den Rat, sich an den Geheimrat Goethe zu wenden, der doch bekanntlich ein großer "Geognostiker" sei, aber Eleonore befolgte ihn nicht. Und Caroline, Luises Stiefmutter, schöpfte den Verdacht, es ginge der Meiningerin nicht nur um den wissenschaftlichen Nachlass ihres Gatten, sondern darum, ihren Sohn Georg und Luise einander näherzubringen. Was wiederum August, dem Caroline ihre Vermutung nicht vorenthielt, als völlig abwegig bezeichnete. (August hatte ja noch bis zu den Tagen ihrer Konfirmation und der bald darauf folgenden Verlobung Luises mit notorischem Unwillen auf jede Ankündigung einer drohenden Verehelichung seiner einzigen Tochter reagiert; er hätte sie, wie sein Bruder Friedrich es einmal formulierte "am liebsten in ein Kloster gesteckt, wo nur er selbst von ihr empfangen worden wäre.") Ob Caroline mit ihrer Annahme Recht hatte oder nicht, bleibt fraglich, jedenfalls war eine nähere Bekanntschaft zwischen Luise und dem schlacksigen Georg nicht zustande gekommen, sie wusste ja nicht mal genau seinen Namen. Auch wenn er (was wiederum dem Franz Feller vollkommen schleierhaft war) einen gewissen Eindruck auf die Sophie Romberg gemacht hatte, so musste man doch feststellen, daß ein anderer Knabe die Gäste an diesem Feiertage weit mehr faszinierte, und das war ein Junge namens Mehmed, ein schwarzer Lockenkopf mit feurigen Augen und einem geheimnisvollen Lächeln um den Mund, das ebenso lieblich wie herzlos war und das bei etlichen Frauen und Mädchen der Gesellschaft beinahe einen Schauer der Wehrlosigkeit hervorrief. Während der Befragung Luises in der Kirche hatte dieser Mehmed ganz vorn gesessen und beinahe ununterbrochen die ganze Zeremonie beobachtet, was für einen Jungen in seinem Alter, zumal wenn es ihn selber nichts anging, nicht eben unterhaltsam gewesen sein mochte; und so konnte, wer ihn genauer anschaute, auf seinem Gesicht und in seinem Blick etwas Ungerührtes, beinahe Versteinertes erkennen, so als habe er gelernt, durch Disziplin und Lenkung des Geistes derartige Situationen zu beherrschen und zu überstehen, was ebenfalls für einen Knaben ungewöhnlich war. Danach ging er zwischen den Leuten, die im munteren Gespräch ihren Eindrücken Luft machten, umher wie ein stummer Jäger; oh nein, er ging nicht einfach, er wandelte, als würde er bei jedem Schritt für andere verborgene Laute hören können, und ab und zu schien es, er murmelt etwas vor sich hin, was noch durch verhaltene Handbewegungen sachte unterstützt wurde. Die Besucher und Gäste wandten die Köpfe nach ihm, und manche Damen streckten unbemerkt die Hand mit dem Fächer nach ihm aus, wenn er an ihnen vorbeikam, um ihn zu streifen. Dann schaute er auf und sie wurden von dem brennendheißen Strahl aus seinen funkelnden Augen getroffen, daß sie nahe daran waren, schmachtvoll aufzuseufzen. Diesen Knaben hätte man sich als Gespielen gewünscht! Mehmed war ein Türkenjunge, er gehörte zu Karl Christian, dem Bruder von Luises Mutter, die im Kindbett gestorben war. Karl Christian stammte demnach aus dem Schweriner Hause. Durch die Verbindung seines Bruders zu den Romanows war er ins russische Heer eingetreten und hatte als General an diversen Feldzügen teilgenommen, bis er, nach dem endgültigen Sieg über Napoleon, den Dienst quittierte. Er war mehrmals und zum Teil schwer verwundet worden, und er trug unter anderen Auszeichnungen den Alexander Newski Orden, den Sankt Wladimir und den Sankt Annen Orden; auch jetzt war er in russischer Uniform erschienen, die mit einigen glänzenden Ehrenabzeichen geschmückt war. Im Russisch Türkischen Krieg, der als einer der blutigsten jener Zeit galt, hatte Karl Christian den Türkenjungen Mehmed an sich genommen, welcher der Sohn eines gefallenen türkischen Offiziers, manche sagten, eines Janitscharen, war. (Über die näheren Umstände des Todes von Mehmeds Vater war nichts bekannt.) Nach Mecklenburg zurückgekehrt, ließ Karl Christian dem Jungen eine hervorragende Erziehung und Ausbildung angedeihen; er war unendlich stolz auf seinen Ziehsohn, und der dankte es ihm mit edler Anhänglichkeit und bedingungslosem Gehorsam. Wohin die beiden auch kamen, sie fielen auf, der eine durch seine stattliche Figur, dem Habit des unsterblichen Soldaten, dessen Wirkung durch eine Narbe auf der Stirn, verursacht durch einen Säbelhieb, noch verstärkt wurde; der andere durch die fast orientalische Aura, die ihn umgab und die wie ein eigener Duft von ihm auszuströmen schien, als hätte ihn im Gemach eines muselmannischen Fürstenpalastes eine bezaubernde Odaliske zur Welt gebracht. Obwohl der Mecklenburger fast sein ganzes Leben in der Armee verbracht hatte, war er in seiner Gesinnung und Meinung keineswegs so davon geprägt, wie man es hätte annehmen können. Er war keiner von denen, die unentwegt glaubten, ihre Abenteuer zum besten geben zu müssen, ja, er sprach eigentlich überhaupt nicht von seiner Vergangenheit, und wären da nicht die unverkennbaren äußeren Anzeichen gewesen, man hätte ihn für einen Bürgerlichen, etwa einen Kaufmann oder - wegen seiner Gestalt - für einen Forschungsreisenden halten können; er war auch sehr gebildet. Von seiten der Herzogin Caroline, also aus dem Hessischen Hause, waren Luises Großmutter anwesend, sowie Carolines Bruder Wilhelm, der mit seiner Gattin Auguste, der früheren Prinzessin von Preußen, erschienen war. Die beiden sprachen kein Wort miteinander, sie lagen in Scheidung, und es war wohl nur der verpflichtende Wille der Großmutter gewesen, die darauf bestanden hatte, daß beide gemeinsam an der Konfirmation ihrer Enkelin teilnehmen; was umso mehr verwunderte, als Luise mit dem Hessischen Hause nicht direkt verwandt war. Dem Herzog August missfiel es übrigens, daß Wilhelm sich so angeregt mit Luise unterhielt, er meinte sogar für sich, sein Schwager sei ständig dabei, Luise in ein Gespräch zu "verwickeln", er beobachtete ihn mehrmals, wie er sich nahe zu seiner Tochter herüberbeugte und ihr etwas zuflüsterte, worauf Luise in kindisches Gelächter ausbrach; August fand, daß sie sich beide unschicklich benahmen. Sein Bruder Friedrich war hin und weggerissen von der russischen Großfürstin Anna Fjodorowna, einer aparten Dame Mitte dreißig mit schwarzem Haar und einem Mienenspiel, das ihre Wertschätzung (mit anderem Wort: ihre Vorliebe) für die zwischenmenschlichen Vergnügungen nur schwer verbergen konnte. Und womöglich wollte sie auch gar nichts verbergen. Friedrich entdeckte Anna Fjodorowna, wie sie sich mit Karl Christian unterhielt, in fließendem Russisch und mit einem Gestus, der besagte: 'seinerzeit lag mir dieses ganze Riesenreich zu Füßen!' Man konnte erahnen, daß ihr die Erinnerungen an die rauschenden Bälle in den Marmorpalästen an der Moskwa, mit Strömen von Sekt und Schüsseln voll Kaviar und an die Dutzenden von heimlichen Liebhabern und Hunderten gedemütigter Verehrer die liebsten von allen waren. Wie sie denn jene unseligen Tage erlebt habe, als Napoleon Moskau in Schutt und Asche legen wollte, fragte Friedrich sie, als sei er noch im Nachhinein um ihr Wohl besorgt. "Ach mein Lieber", antwortete sie mit einem Fingerschnippen, "Russland war einst so groß und herrlich, daß es bis zum Ende der Welt von seinem Ruhm und Glanz zehren kann; wie sollte es da vorher untergehen?" Ihre russische Zeit war allerdings vorbei; der Großfürst Konstantin hatte sie schlecht behandelt, er neigte zur Gewalttätigkeit, wie manche sagten. Sich einem Mann zu unterwerfen war für Anna Fjodorowna völlig inakzeptabel! Inzwischen lebte sie in der Schweiz mit einem Oberhofmeister aus Bern zusammen; sie war formell wieder (oder immer noch) Juliane Henriette, eine Prinzessin von Sachsen Coburg Saalfeld, und das war auch der Grund, weshalb sie jetzt zugegen war. Friedrich scharwenzelte um sie herum wie ein Junggeselle auf Brautschau, nie hatte man ihn so herzerfrischend plappern hören, es war, als hätte er endlich eine Frau gefunden, für die es sich lohnt, sich anzustrengen, um sie zu beeindrucken. Und Juliane ließ es sich gefallen. Es gelang ihm, ihre ganze Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er brachte sie zum Lachen. Er wich ihr an diesem Tag nicht mehr von der Seite. Als bei der Festtafel ganze drei Gedecke fehlten und die Herzogin darüber in Zorn auf das Personal geriet, da sagte Friedrich, das sei doch nicht weiter schlimm, er werde das sogleich selbst in der Küche regeln. "Ich helfe Ihnen", rief Juliane, und sie verschwanden für eine ganze Weile, während die Serviermädchen eilig das Geschirr vervollständigten. Der Trubel war so groß, daß es nicht weiter auffiel, als die beiden erst zum Dessert wieder auftauchten. Nach dem Festmahl wurden, um die Zeit bis zur Kaffeegesellschaft zu überbrücken, Spaziergänge rund um das Schloss und in den Garten unternommen, wo in dem Pavillon eine kleine Kapelle musizierte. Die Kinder tollten auf der Wiese umher, man hatte eine Truppe engagiert, welche die Kleinen mit Maskeraden unterhielt, während die Großen, unter ihnen die nunmehr "Erwachsenen" durch belehrende Vorträge über Naturkunde, speziell über die Tierwelt, pädagogisiert werden sollten. Zu diesem Zweck waren aus dem Herzoglichen Naturalienkabinett einige präparierte Kreaturen aufgestellt worden, darunter ein ausgestopfter Bär und sogar der Elefant, der aus Afrika stammte und dem nachträglich gewaltige Hauer aus echtem Elfenbein eingesetzt worden waren, damit man erkannte, wo vorn und hinten ist. Der Lehrer, der vom Direktor Amelung dazu verdonnert worden war, hatte es nicht leicht, Luise und ihre Freundinnen für den trockenen Vortrag zu gewinnen, erst recht nicht die Jungs, die keine Minute stillstehen konnten, sogar Mehmed hatte das Zuhören satt. Es dauerte nicht lange, da hatten die Kinder die Plätze getauscht; während die Großen bei der Gauklertruppe mit den Masken und Perücken herumalberten, fingen die Kleinen an, auf die toten Ungeheuer zu klettern, und der Lehrer, als er sah, daß Hopfen und Malz verloren waren, half ihnen dabei. Der Herzog August stolzierte, begleitet von einigen seiner Räte und Minister, durch die Anlagen und bemühte sich, seine auserlesenen Gäste reihum mit kleinen Konversationen bei Laune zu halten; es gelang ihm zwar, aber sobald er sich von irgendjemand abwandte, konnte man den Überdruss sehen, der ihm auf dem Gesicht geschrieben stand. Er hielt aus und durch, seiner geliebten Tochter wegen. Karl Christian, der Ziehvater des Türkenjungen und - wie erwähnt - der Bruder der seligen Louise, sprach seinen ehemaligen Schwager wegen der Predigt bei der Konfirmationsfeier an, es war ihm - so seine eigene Aussage - nicht ganz nachvollziehbar, mit welchem Motiv der Oberkonsitorialrat der Luise einen Spruch aus dem Buch Tobit mit auf den Lebensweg gegeben habe. "Was für einen Spruch?" fragte August, der die Predigt schon wieder vergessen hatte. "Hüte dich, daß du in keine Sünde willigst und nicht gegen Gottes Gebot handelst", zitierte Karl Christian. "Ja und? Was hast du daran auszusetzen?" "An und für sich nichts. Ich frage mich bloß, ob dies für ein fünfzehnjähriges Mädchen unseres Standes relevant ist. Nimm' es mir nicht übel, aber für mich klang das nicht wie ein Segen, sondern eher wie eine Ermahnung." August zog die Augenbrauen zusammen. "Wieso sollte unsere Luise ermahnt werden?" "Eben das beschäftigt mich auch, sollte sie?" August überlegte einen Moment, dann sagte er "Ich glaube, du deutest da zuviel hinein, lieber Karl Christian." "Entschuldige, ich habe überhaupt nichts gedeutet, ich bin vielmehr unangenehm berührt. Und ich denke, daß unsere selige Louise damit auch nicht einverstanden gewesen wäre." "Das ist deine Vermutung." "Nein, es ist meine Überzeugung; in gewisser Weise betrifft es nämlich auch euch." "Ich kann dir nicht ganz folgen." "Nun, wenn man es für nötig hält, an das Gewissen eines jungfräulichen Mädchens, noch dazu einer Erbprinzessin, zu appellieren, dann könnte man die Ursache ihrer Gefährdung auch - verzeih' den Ausdruck - in der zweifelhaften Moral der Eltern sehen." August wusste für einen Augenblick nicht, ob er grob werden sollte. Karl Christian fügte hinzu "Was meine Schwester betrifft, so würde ich für ihre Reinheit und Sittsamkeit noch heute und auf der Stelle meine Hand ins Feuer legen, wenn irgendjemand an ihr zweifelte. Sie hätte es niemals nötig gehabt, sich Warnungen aus einer Schrift anzuhören, die noch nicht einmal zum offiziellen Kanon der evangelischen Kirche gehört." "Wie bitte?" "Nur die Juden schätzen das Buch Tobit, wahrscheinlich wegen der Bedeutung der Blutreinheit, die darin zum Ausdruck kommt und wegen dem Sieg über das verhasste Ninive." August war sprachlos und verwirrt. "Was haben Blutreinheit oder Ninive mit der Konfirmation meiner Tochter zu tun?" "Eben nicht viel, lieber Schwager; und daher auch mein Unverständnis: Was hat deinen Pfarrer bloß getrieben, Luise mit der Geschichte von Tobits Sohn in Verbindung zu bringen, das möchte ich zu gern wissen." "Vielleicht hätte ich vorher etwas genauer darauf achten sollen, was der Kerl da vom Stapel lässt", gab August zu bedenken. Karl Christian klopfte ihm auf die Schulter. "Nun ja, jetzt hat sie den Spruch weg. Ich wollte das auch loswerden, bevor ich wieder abreise, damit du weißt, daß es - außer dir - auch noch andere Menschen gibt, die das würdige Angedenken an unsere selige Louise pflegen und ihren makellosen Ruf bewahren. Niemand außer jene, die selbst zu unserer Familie gehören, sollten über irgendeinen von uns urteilen." Die Herzogin Caroline hatte sich für den Abend umgekleidet, sie fand die anderen in dem Zimmer, das man früher einmal Le Chartreuse, die Kartause, genannt hatte, was irgendwie mit einem literarischen Zirkel oder einem Liebhabertheater in Zusammenhang stand. Der Name hatte sich gehalten. Karl Christian war hier, Carolines Bruder Wilhelm und (einige Schritte von ihm weg) Auguste, Eleonore (die Mutter des schlacksigen Georg), Anton Karl von Coburg Saalfeld, der Bruder von Juliane, sie selbst, das Fräulein von Kemp, eine jüngere von Buchwald und Friederike von Montmartin (deren Großmutter einst in Diensten der Herzogin Dorothea gestanden hatte) sowie einige Herren aus der weitläufigen Verwandtschaft. Friedrich hatte sie alle hierher gelockt, um ihnen ein paar ausgewählte Bücher und Bilder aus dem Fundus seines Vaters zu zeigen, die er unter der Bezeichnung "Nordamerikanische Bibliothek" gesammelt hatte. Es befanden sich darunter auch einige kolorierte Darstellungen von Indianern und Beschreibungen ihrer Sitten und Gebräuche, worüber die Anwesenden in eine angeregte Unterhaltung verfielen. Man kam von einem zum andern, und als Caroline das Zimmer betrat, ging es gerade, nachdem man Mutmaßungen über das Zusammenleben der "Wilden" angestellt hatte, um die Problematik der Ehe im allgemeinen. Ausgerechnet das Fräulein von Kemp, inzwischen in die Jahre gekommen und immer ledig geblieben, sang ein Hohelied auf die unverbrüchliche Verbindung von Mann und Frau, worauf Eleonore entgegnete "Sie haben gut reden, meine Verehrte! Das alles ist recht beschaulich, solange man nicht selbst davon betroffen ist. Ich habe auch viele Romane gelesen, in denen die Ehe als eine Art Wunder erscheint, aber wenn man das Buch zuklappt, sieht die Welt oft ganz anders aus." "Vielleicht liegt es daran", sagte die Buchwald, "daß man von Ehe spricht und Liebe meint, es ist der Wunsch die Mutter des Gedankens." "Was glauben Sie? Wäre es dennoch möglich, unter günstigen Umständen beides in Harmonie zu vereinen?" fragte Friedrich, und sie zuckte mit den Schultern. Wilhelm sagte "Was Sie anstreben, lieber Friedrich, wäre ein Naturzustand, den es in dieser Sphäre nicht gibt. Die Ehe ist etwas Künstliches, sie ist nicht nur vergänglich, sondern auch instabil, wie alle menschlichen Einrichtungen. Harmonie ist eine höhere Qualität. Der Mensch kann eine Sonate komponieren, die voller Harmonie ist; aber dafür muss er Talent besitzen und von den Musen bevorzugt sein. In der Ehe zählen weder Talent noch Vorzüglichkeit, sondern letztlich nur Sicherheit und ein Quentchen Vertrauen." "Das ist eben der Kardinalfehler, den wir begehen: wir glauben an einen Endzweck der Ehe, mit dem wir sie schließen", rief Juliane aus. "Wir berauben uns damit von vornherein aller Möglichkeiten, aller Freiheiten!" "Nach Ihren Worten, Wilhelm, würde es eine Zeit geben, in der die Ehe aufgelöst, um nicht zu sagen, der Bedeutungslosigkeit verfallen wäre." "In der Tat, sie wäre ganz unnötig geworden." Friederike von Montmartin, eine außergewöhnlich hübsche Frau, seufzte hörbar auf. "Ach Gott! Wozu dann die ganze Vorgeschichte?" Herzog August war bei diesem Gespräch nicht dabei, und es wäre wohl fraglich gewesen, ob er mit der gleichen Offenherzigkeit wie die anderen zum Thema beigetragen, oder vielmehr gute Miene zum bösen Spiel gemacht hätte. Denn namentlich die Anwesenheit von Julianes Bruder Anton Karl, des Coburg-Saalfelders Herzog, machte ihn auf eine unerträgliche Art befangen. August wurde, seitdem Anton Karl das Gothaer Schloss betreten hatte, das Gefühl nicht los, als führte er sich, freilich ohne große Worte und Gesten, aber mit einer ebenso überlegenen wie falschen Herzlichkeit, die schon an unverhohlenes Mitleid grenzte, wie ein Retter auf, der in Wahrheit ein Eroberer ist. Und beides war durchaus nicht an den Haaren herbeigezogen. Während August nach dem Untergang Napoleons von den Politikern, die nun das Sagen hatten, wegen seiner jahrelangen Sympathie mit dem Imperator zu einer Persona non grata, ja zu einer Persona infamis, erklärt worden war, hatten Männer wie Anton Karl nach den sogenannten Befreiungskriegen auf einmal Oberwasser. Er hatte in preußischen Reihen gekämpft, hatte bei Leipzig das 5. deutsche Armeekorps befehligt und war bei Waterloo dabei, als Napoleon endgültig besiegt wurde. Anton Karl war einer der wenigen Sachsen-Thüringer Fürsten, die auf dem Wiener Kongress, der Generalabrechnung mit den Franzosen, für seine Treue belohnt wurde. Er hatte eben auf der richtigen Seite gestanden. Er erhielt zwar nicht die erhoffte Entschädigung für die Opfer, die sein Herzogtum während der schlimmen Kriegszeit gebracht hatte, dafür aber aus der Aufteilung der rheinischen Gebiete das Fürstentum Lichtenberg, ein kleines, lauschiges Fleckchen im Saarländischen. Und er rechnete sich, wie August befürchtete, noch viel mehr aus! Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß Anton Karl hier erschienen war, um ein Auge auf Luise zu werfen und sich - womöglich mit Hilfe seiner ach so unbekümmerten Schwester - ein Urteil über sie zu bilden. (Carolines Bruder Wilhelm hatte mit Luise gescherzt, was August ungern mitansah. Aber Anton Karl war bar allen Humors, er behandelte Luise mit einer abgeklärten Förmlichkeit, die August zuwider war, worauf jedoch - was ihn noch mehr verdross - Luise mit einer Mischung aus Scheu und Eitelkeit reagierte. Sie fühlte sich offensichtlich geschmeichelt, von einem so imposanten Mann wie eine erwachsene Frau angesehen zu werden. August ließ es schaudern zu erkennen, wie ihr dabei der kindliche Liebreiz entrissen wurde.) "Herzlichen Glückwunsch zu eurer reizenden Tochter", sagte er zu August, "sie hat sich prächtig entwickelt." Dann setzte er hinzu "Ich habe nie daran gezweifelt, mein Bester, daß hier in Gotha auch in den schweren Zeiten Sorge um das künftige Schicksal unserer Kinder getragen wird. Ich bedaure es zutiefst, daß uns die Ereignisse so lange voneinander entfernt gehalten haben." 'Entzweit haben, wollte er wohl sagen', dachte August, sagte aber "Es ist letztlich nicht unser beider Schuld", bereute jedoch gleich den versöhnlichen Ton. "Völlig richtig! Und es ist nun einmal geschehen, es ist aus und vorbei, und was immer auch dabei herausgekommen ist, wir sollten das Beste daraus machen." Das klang gar nicht wie ein ehrenwerter Vorschlag, sondern eher so, als wollte sich der Saalfelder in Augusts Angelegenheiten einmischen, ihm Vorschriften machen. Anton Karl legte ihm den Arm um die Schulter (wie sein Schwager Christian!) "Schau', mein Lieber, wir haben beide keinen Grund, uns einander zu beargwöhnen oder uns gegenseitig Vorwürfe zu machen. Du bist mir keine Erklärungen schuldig (August ballte die Faust vor Wut) und ich bin weit davon entfernt, irgendjemandem nachträglich eine Lehre zu erteilen, die wirst du ohnehin schon selbst gezogen haben; ich will nicht in alte Wunden stechen." August befreite sich geschickt aus seiner Umarmung und sagte mit einem verzerrten Lächeln "Du willst jetzt aber nicht, daß wir herumturteln wie mein Bruder und deine Schwester?" "Wie bitte?" Anton Karl blieb stehen, aus seinen Augen bohrte sich ein Blick wie ein blanker Dolch in Augusts Angesicht. Aber er beherrschte sich und sagte "Wären wir nur früher so freundschaftlich zusammengekommen, vielleicht hätte ich gelernt, dich besser zu verstehen." Es fiel August so unsagbar schwer, mit diesem Mann zu reden, er hatte überhaupt nicht das Verlangen danach. Daß er und seine Schwester Juliane sich zu Luises Konfirmation eingefunden hatten, war eine selbstverständliche Geste des verwandtschaftlichen Umgangs; ebenso wie die Gastlichkeit, mit der sie empfangen wurden. August konnte es kaum erwarten, daß der Saalfelder wieder verschwand und er erleichtert aufatmen konnte. Aber genau dies würde er nicht tun können. Selbst wenn Karl Anton weg wäre, fände August fortan keine Ruhe mehr. Er würde wiederkommen, nicht mit seiner Schwester, die ihm ohnehin nur einen Gefallen getan hatte, sondern mit seinen Ministern und Räten, mit seinem ganzen Geheimen Konzil, mit seinen Notaren und Protokollanten und vor allem mit seinem Vermögensverwalter. Und er würde damit anfangen, Angebote zu unterbreiten und Verträge auszuhandeln, und dann würde er Forderungen stellen und Sicherheiten verlangen und unter dem Schein der selbstlosen Protektion würde er beginnen, sich alles einzuverleiben, dessen er habhaft werden konnte. Aber als erstes würde er um die Hand Luises anhalten, würde er ihm, August, sein Liebstes wegnehmen, und er würde nicht das Geringste dagegen unternehmen können. Hatte ihn denn wirklich der Fluch getroffen, weil er über die ganze vermaledeite Ära hinweg dem großen Mann gehuldigt hatte? Dem Idol seiner Jugend, der ihn einst mit so viel Enthusiasmus erfüllte, für den er noch in seinen Träumen heiße Tränen vergoss. Sollte er nun dafür bestraft werden? Bis zuletzt hatte er zu Napoleon gehalten, auch nachdem sein Schicksal besiegelt war. Es klangen ihm noch die Worte des Bruders in Ohren, der gesagt hatte "Wie kannst du so naiv sein, diesem Tyrannen und Menschenverächter zu trauen! Freilich, es mag nur einen von seiner Sorte geben, aber von uns, Bruder, gibt es hunderte, mittelmäßige Fürsten, die in ihm einen Endkaiser erblicken wollen, der die Weltordnung wiederherstellt. Glaubst du im Ernst, er wird sich jemals an dich erinnern? Er wird scheitern, wie alle vor ihm gescheitert sind." "Und doch", hatte August ihm entgegnet, "was für ein Glück, ihn gekannt zu haben!" Nicht das sang- und klanglose Ende der gewaltigsten Armee aller Zeiten schmerzte ihn, nicht der Zusammenbruch der Republiken, nicht das Verlöschen der großen Visionen, nicht die Entzauberung der Macht von Gottes Gnaden. Am meisten schmerzte ihn zu erleben, wie die rohen, geistlosen, lüsternen Triebe überall wieder in die Höhe schießen und die Männer vom Schlage eines Anton Karl, die sich seit jeher - und nun erst recht - für die Elite der Deutschen hielten, in ihrer Raffgier und erbarmungslosen Strenge sich ihre verlorenen Pfründe wiederbeschaffen. Alles war wieder beim Alten. Irgendwann, als er noch ein Jüngling war, hatte ihm sein Onkel Johann Eugen vom Krieg erzählt und davon, wie die Sieger seit jeher nach einem "ehernen Gesetz" handeln, und das lautete so: "Töte die Verräter, raube ihren Besitz und schwängere ihre Weiber!" Der junge August war bestürzt über die gewalttätige Ausdrucksweise des Onkels, eine Weile hielt er ihn für einen verkappten Räuber und Mörder. August hatte nie eine Uniform angezogen, keine Waffe getragen, nur zwei oder dreimal ein Jagdgewehr abgefeuert, der Knall verletzte sein feines Gehör; den Befehl über das kleine Gothaer Regiment hatte er dem Oberst Reinhardt übertragen, auf Lebenszeit. Er hatte ein sanftes, manchmal kindliches Wesen. Manche sagten, er sei weichlich, ja weibisch! Egal, das berührte ihn nicht. Die Mutter hatte ihn "einen Schwärmer" genannt, den einzigen echten Schwärmer in der Familie, und darauf bildete er sich etwas ein, es machte ihn glücklich. Aber er hatte nicht bedacht, daß ein Fürst stets mehr Feinde hat, als Freunde, und daß deren erste Absicht und ihr oberstes Ziel ist, ihn zu stürzen, um sich an seine Stelle zu setzen. Niemand hatte ihn das gelehrt, auch Johann Eugen nicht, obwohl er wahrscheinlich das unausweichliche Ende vorausgesehen hat. Um sich zu zerstreuen, widmete sich August den Vorbereitungen für das abendliche Bivouac, das bei Lampions und Kohlenglut im Freien stattfinden sollte. Die Kinder halfen fleißig mit. Je mehr der Tag zur Neige ging, umso stiller wurde Luise, und als ihre Freundin Sophie sich nach ihrem Befinden erkundigte, erwiderte sie "Danke, es geht mir gut. Bloß ein bisschen schade, daß Lukas nicht gekommen ist." "Der untreue Dachs!" sagte Sophie, und sie mussten beide lachen. Später spielten die Musikanten immer noch im Pavillon; obwohl sie seit dem Nachmittag zugange waren, hatten sie in ihrer Munterkeit und Konzentration kaum nachgelassen. Gerade erklang ein Quintett des Hofkapellmeisters von Weber, der zwei Jahre zuvor auf Schloss Friedenstein weilte. Onkel Friedrich, die Kinder um sich geschart, erzählte ihnen, daß dieser Herr von Weber eine Oper komponiert habe, mit dem Titel "Der Freischütz", in der es um Zauberei und finstere Mächte geht, und in der die berühmteste Szene in einem Waldesgrund stattfindet, der die "Wolfsschlucht" heißt. In der von den Lampions kaum erhellten Dunkelheit überkam die Kinder ein leises Gruseln. Nur Franz Feller blieb ruhig und meinte "Mein Bruder sagt, daß sie den Wolf, der da mitspielt, hier auf dem Kranberg gefangen haben." Einige Tage nach ihrer Konfirmationsfeier kam Luise mit einer merkwürdigen Bitte auf August zu. "Papa, ich möchte einen Brief an meine Großmutter schreiben." "Aber du hast sie doch erst vor einer Woche gesehen, hat sich denn inzwischen so viel Neues ereignet?" fragte er sie verwundert. "Ich meine Großmutter Charlotte Amalia." August stutzte, nie zuvor hatte Luise solch ein Ansinnen gehabt. "Ach, diese Großmutter!" "Wieso sagst du das?" Er wirkte auf sonderbare Weise betroffen; er fragte sich, wer oder was Luise auf die Idee gebracht hatte, er fragte sich mit Erschrecken, ob die Herzogin-Mutter Charlotte, seine leibliche Mutter, tatsächlich so fern von seinem Geiste war, daß er sich erst mit einer Verzögerung auf sie besinnen konnte. "Ja, mein Liebes", sagte er dann, "darüber würde sie sich gewiss freuen, nur ..." "Was?" "Ehrlich gesagt wüsste ich nicht auf Anhieb, wohin wir den Brief schicken sollten." "Du weißt nicht, wo sie ist?" fragte Luise in vorwurfsvollem Ton, der seine Wirkung nicht verfehlte. "Doch, ja, jetzt fällt es mir ein, sie ist in Neapel." "Wo der Vulkan ausgebrochen ist?" "Das war schon vor langer Zeit, im Moment ist es da ruhig. Ja, gut, schreibe ihr alles, was sich hier zugetragen hat, brauchst du Unterstützung?" "Danke, das schaff' ich allein." "Gut. Gibst du es mir wenigstens zu lesen." Luise überlegte kurz. "Wenn's fertig ist, ich meine, falls irgendwelche gravierende Fehler drin sind." "Ja." "Aber du darfst ihn niemand anderem zeigen!" "Nein, tue ich nicht, die Sache bleibt unter uns, mein Liebling." "Dann mache ich mich jetzt an die Arbeit", sagte Luise, raffte ihr Kleid und wandte sich zum Gehen. "Ach übrigens", fragte sie in der Tür, "lebt sie dort eigentlich allein?" "Nein, der Baron von Zach ist bei ihr. Er war früher hier Hofastronom bei deinem Großvater." "Hier in Gotha?" "Ja, auf der Sternwarte oben auf dem Seeberg. Er kennt dich, als du noch ganz klein warst." "Mich?" "Ja." "Glaubst du, er erinnert sich noch an mich?" "Zweifellos. Und natürlich an deine Mutter." "Interessant", sagte Luise. Oh, wie irrte sich August! In Neapel war es alles andere als ruhig. Niemand in Gotha, dachte Jakob Hausmann jetzt, als er jene Ereignisse Revue passieren ließ, niemand ahnte, wie schlimm es um die Herzogin bestellt war. Er, Hausmann, hatte sich einige Wochen zuvor, quasi über Nacht, nach Altenburg begeben, auf Verlangen des Ministers von Lindenau. Der eröffnete ihm, daß er von dem Baron von Zach einen Brief erhalten habe, mit der dringenden Bitte, unverzüglich nach Neapel zu kommen, da sich die Herzogin Charlotte "in einem Zustand höchster Bedrängnis und Ausweglosigkeit" entschlossen habe, ihr Testament aufzusetzen! Bernhard von Lindenau war seit etlichen Jahren, zuerst als Kammerrat, später als Minister für den Gothaer Hof tätig, und er war Vermögensverwalter seines ehemaligen Lehrers und väterlichen Freundes Franz Xaver von Zach, weshalb der ihn nun damit beauftragte, die letztwillige Verfügung der Herzogin zu dokumentieren. Mit keinem weiteren Wort hatte sich Zach über die genauen Umstände von Charlottes Verfassung geäußert, so daß Lindenau darüber nur mutmaßen konnte, wozu allerdings sein kühler und kluger Verstand nicht geneigt war. Das knappe, fast befehlsmäßig anmutende Schreiben ließ das Schlimmste befürchten. Zudem hatte sich Zach, der Anweisung Charlottes folgend, ausdrücklich verbeten, den Herzog August, ihren Sohn, von diesem Brief in Kenntnis zu setzen, was den Lindenau im ersten Moment nicht wenig erschütterte. Aber er war, wie Jakob Hausmann es jetzt auf den Punkt brachte, wirklich einer der fähigsten Männer in der Geschichte des Gothaisch-Altenburger Fürstentum, umsichtig, loyal, menschlich, modern, tatkräftig und mit dem gehörigen Durchsetzungsvermögen ausgestattet, das ihm vor den Untergebenen die nötige Autorität verlieh, und bei den Oberen den Ruf absoluter Zuverlässigkeit eingebracht hatte. (Auch war er ein leidenschaftlicher Kunstliebhaber und Kenner; als solcher allerdings höchst ungesellig.) Daß er ihn, Hausmann, bei der Angelegenheit hinzuzog, war seine eigene Entscheidung. Die Zeit drängte, und so machten sich die beiden, nachdem Hausmann in Altenburg eingetroffen war, auf den Weg nach Neapel; erst unterwegs klärte Lindenau ihn über die Sache auf. Hausmann erinnerte sich, daß er angenommen hatte, die Herzogin sei schwerkrank, nicht einmal mehr fähig, selber zu schreiben; aber er wusste auch, daß sie zeitlebens von robuster Gesundheit war, und so recht konnten weder er noch Lindenau an einen plötzlichen körperlichen Verfall glauben. Vor den Toren Neapels angekommen, mussten die beiden buchstäblich am eigenen Leib erfahren, was hier los ist ...
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